Verpackung The Next Generation

von peter désilets / ecodesign at work

Zwischen dem, was bei Verpackung als umweltfreundlich wahrgenommen wird und dem, was wirklich ökologisch ist, liegen manchmal Welten. Nicht mal darauf, dass keine Verpackung die ökologischste Variante ist, kann man sich mehr verlassen. Können denn wirklich nur Bananen und Orangen "ökologische Verpackung"? Die Pacoon AG wirft einen Blick darauf, wie Verpackung zukünftig qualitätssichernd und nachhaltig gestaltet werden kann.

Verbraucher erachtet eine Müslipackung auch dann noch als umweltfreundlicher als einen Folienbeutel, wenn sich um den Folienbeutel noch eine Faltschachtel aus Karton befindet.

Verpackung: Wie sieht die nächste Generation aus?

Karton ist ein nachhaltiger Rohstoff für Verpackungen, Holz wächst nach, es wird ständig neu aufgeforstet und der Verbraucher erachtet eine Müslipackung auch dann noch als umweltfreundlicher als einen Folienbeutel, wenn sich um den Folienbeutel noch eine Faltschachtel befindet. Das hat auch schon GfK vor fünf Jahren heraus gefunden. Es gibt Siegel wie FSC und PEFC, deren Bedeutung der Verbraucher zwar nicht wirklich kennt – geschweige denn unterscheiden kann – aber er hat es schon mal gehört und es hat ‚irgendwas mit Nachhaltigkeit zu tun’. Holz wächst in vielen Regionen Europas, es muss nicht lange Transportwege zurück legen, um zum Produkt und der Verpackungsmaschine zu gelangen, die Kartonfasern können bis zu sieben Mal recycelt werden und sind dann am Ende immer noch dazu geeignet, als ‚Faserabfall’ in Kartonage verarbeitet zu werden.

Also alles gut? Oder geht da noch was?

Was die allerwenigsten Unternehmen und Packungsentwickler wissen, es gibt schon neue Ansätze, Kartonagen und Papiere noch umweltfreundlicher und auch für die nachhaltige Markenpositionierung attraktiv zu gestalten. Alternative Faserrohstoffe werden in den nächsten Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen. Aber obwohl wir seit drei Jahren diese Nachricht auf einigen Vorträgen und Ausstellungen kommunizieren und schon einige Beispiele auf dem Markt existieren, wissen nur 5 – 10 % der Fachleute, die sich mit Verpackungsentwicklung und –einkauf beschäftigen, wirklich davon oder haben gar schon Erfahrungen damit gemacht. In der Regel werden diese Lösungen sogar eher belächelt, ‚keine ausreichenden Ressourcen’, ‚funktioniert sowieso nicht’, ‚kein Lebensmittelkontakt möglich’ oder ‚muss doch extra aus Asien heran gekarrt werden’ – das sind die üblichen Argumente, warum man sich nicht weiter mit diesen Lösungen befassen möchte. Dabei könnte man sich eine fantastische Startposition und Differenzierung zum Wettbewerb schaffen.

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© 2016, pacoon ag, prototyp rohrzuckerschale REAL,-

Vor über fünf Jahren habe ich schon erste Rohrzuckerfaserkartons gesehen, die testweise für Real,- erstellt wurden. Ein schöner, leicht elfenbeinfarbener Ton, rauhe Oberfläche, schöne sichtbare Fasern und gute Bedruckbarkeit haben mich von dem Konzept sofort überzeugt. Die Grammatur war leichter als bei Holzfaserkarton, aber die stabilen Rohrzuckerfasern konnten das geringere Gewicht ausgleichen. Ca. 10-15 % weniger Material waren das Ergebnis bei gleicher Stabilität und toller Haptik/Optik. Der Rohstoff fällt bei der Zuckerproduktion als Abfall an, wird in der Regel in Asien in den Produktionsstätten verbrannt und dient zumindest als Energieträger. Warum hat es dieser Rohstoff noch nicht wirklich nach Europa geschafft? Weil die Verfügbarkeit noch nicht gewährleistet ist, denn die momentan kleinen Mengen erlauben noch keine konstante Bevorratung in Europa und die Beschaffung nach Bedarf dauert Wochen – zu lange für kurzfristige Bestellungen.

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© 2015, pacoon ag, weihnachtsaussendung von pacoon

Ebenfalls aus Asien stammt auch das Bagasse-Papier, auch Agrarabfallfasern genannt. Diese fallen ebenfalls beim landwirtschaftlichen Anbau von Pflanzen an, stellen somit ein Abfallprodukt dar und können zu Fasern verarbeitet werden ähnlich wie Holz. Bagasse hatte die gleichen Probleme wie Rohrzucker-Kartonage/Papier. Inzwischen gibt es aber eine Lagerhaltung in Europa (Antalis), sodass für Tests auch Material zur Verfügung stünde. Außerdem lässt sich aus dem Bagassepapier schönes, weißes Kopierpapier herstellen, die CO2-Bilanz ist um 50 % geringer als normales Kopierpapier. Unter dem Namen Paperwise wird das Material aus Holland vertrieben und erhofft sich wachsende Nachfrage in den nächsten Jahren.

2015 hat PACOON seine Weihnachtsaussendung aus Bagasse-Karton und –Papier für die Flyer herstellen lassen und die Story hinter dem Material verfasst

Warum Asien bein alternativen Faserrohstoffen Vorreiter ist

Asien und insbesondere China ist bekannt für seine riesigen Produktionskapazitäten und billige Preise. Das führt natürlich dazu, das auch viel Verpackung und somit Kartonage benötigt wird, um die Produkte um die Welt zu schippern. Das Problem: Der Großteil der Verpackungen macht sich auf den Einweg in die westliche Welt – und wenige Verpackungen kommen zurück nach China. Da aber in den westlichen Ländern der Bedarf an Recyclingpapier wächst, musste China in der letzten Jahren sogar Altpapier importieren, um die Nachfrage nach Recyclingpapier zu bedienen. Und diese steigende Nachfrage ließ auch den Preis von Altpapier weltweit steigen. Der frühere Preisvorteil von Recyclingpapier gegenüber Frischfasern schrumpfte immer weiter. Und Not macht erfinderisch. Nicht nur in China, auch in anderen asiatischen Ländern und Indien entwickelt sich die Papierindustrie. Bambusfasern werden heute schon vielfach Holzfaserpapieren beigemischt, das Wachstum dieses Rohstoffs ist bekanntermaßen um ein Vielfaches schneller als Holz. Allerdings ist die Faser auch deutlich fester und somit aufwändiger zu verarbeiten.

Aber es geht nicht nur um Materialaustausch oder –mix. Schon 2012 haben wir Konzepte vorgestellt, wie Verpackungen nachhaltiger einerseits aber auch im gleichen Schritt convenienter gestaltet werden können. Denn wir sind der Meinung, dass nachhaltige Verpackungslösungen eine Chance sind und nicht als Behinderung gesehen werden sollten.

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© 2015, pacoon ag, blisterverpackung

Eines dieser zwölf Konzepte hat sich mit der verhasstesten Verpackung der Deutschen befasst: Der Blisterverpackung! Warum hassen ‚alle’ diese Verpackungen? Weil das Öffnen zum Teil höchst unfallträchtig ist: verschweißt, kantig, hartes Material – wer ein solches Produkt kauft, hat noch lange nicht das Recht, es auch zu nutzen – sollte man meinen. Wir haben eine Nassrasiererpackung entwickelt mit Folie auf Stärkebasis und Trägermaterial Karton. Die Folie löst sich im warmen Rasierwasser in weniger als 1 Minute auf, bevor der Bart eingeseift ist. Der Rasierer ist somit direkt greifbar. Gilette hat ein anderes schönes Konzept entwickelt: eine Schale aus Gussfasermaterial (Binsenschilf mit Bambus), der Verschluss ist eine einfache Deckelfolie mit Grifflasche zum öffnen. Erhältlich im normalen Drogeriemarkt. Wir sagen Glückwunsch zu diesem Konzept!

Die neue Verpackung auf Basis von Binsenschilf mit Bambus verringert den Kunststoffanteil deutlich und erlaubt eine einfache Öffnung – ganz nach unserem Credo ‚Nachhaltigkeit sichtbar machen und Mehrwert vermitteln’

Wieso in die Ferne schweifen ...

Auch in Europa gibt es viele Entwicklungen mit alternativen Faserrohstoffen, um die Kartonverpackung 2.0 herzustellen. Schilf, Reis, Trester, Tomatenreste etc. – es gibt viele Agrarabfälle, die das Potenzial zu einer Verpackung haben. Einer dieser Rohstoffe ist auch Gras. Schon 2013 haben wir verschiedene Papierqualitäten von Graspapier auf der Fachpack in Nürnberg auf unserem Stand vorgestellt. Die Entwicklungen der letzten Jahre sind nun schon so weit fortgeschritten, dass die Produktion von verschiedenen Grammaturen zur Verfügung steht und für Verpackungen und Kommunikation genutzt werden kann. Creapaper stellt diese Materialien her und bietet sogar deren Verarbeitung zur Verpackung an.

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© 2015, pacoon ag, produktbeispiel auf der SIAL

Auch im Ausland gibt es schon Fasergußpackungen für z.B. Frische Eier, die mit Graspapierfasern erstellt wurden. Die Haptik und Optik sind sehr ansprechend und kommunizieren dem Betrachter sofort ‚Nachhaltigkeit’, ohne dass es weiterer Störer oder Auslobung bedarf. Grasfasern sind übrigens in großen Mengen verfügbar, ohne dass es des expliziten Anbaus erfordert oder Nutztieren dieses Futter weggenommen werden muss. Häufig bedient man sich der Ausgleichsflächen für Bauprojekte. Diese Fläche müssen brach liegen und dürfen nicht als Nutzfläche herhalten. Gleichzeitig müssen sie regelmäßig gemäht werden, um keinen Wildwuchs zu erhalten. Die herbei verfügbaren Mengen sind mehrere hundert tausend Tonnen groß.

"Produkte brauchen Stories."

Gras ist also eben so wie Rohrzucker, Bagasse und Bambus ein gut geeigneter Rohstoff für den zukünftigen Karton 2.0. Aber wie wäre es mit einem Sixpack-Träger aus Biermaische, einer Faltschachtel aus Haselnussschalen oder einer Tomatensteige aus Tomatenstielen und –blättern? Auch diese Entwicklungen gibt es schon und zeigen das enorme Potenzial, das wir von diesen Agrarrohstoffen zu erwarten haben. Und klingt eine solche Story nicht vielfach interessanter als die gleichen Verpackungen aus Holzfaser? Produkte verkaufen sich immer mehr über Emotionen und eine Story. Verpackungen können auch zu einer guten Story beitragen.

Wenn Sie mehr über alternative Faserrohstoffe erfahren möchten, dann besuchen Sie doch unsere Nachhaltigkeitskonferenz für Verpackungen SOLPACK 2.0 am 8. und 9. März 2017 in München. Wir gewähren Bloglesern und Seminarteilnehmern von Ecocircle einen Rabatt von 10 % - kontaktieren Sie Susanne Volz. Oder nehmen Sie an unserer Recycling-Umfrage teil.

Über den Autor

Peter Désilets

Peter Désilets ist Vorstand der pacoon AG (www.pacoon.de) mit Sitz in München und dort seit 2006 für die strategische Beratung der Kunden und interessierten Unternehmen zuständig. Vorher sammelte er zehn Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Marketingpositionen internationaler Markenartikler bevor er sich mit Beratung und Costumer Relationship selbständig machte. Da sein Interesse schon seit seinem Berufseinstieg nachhaltigen Strategien und Lösungen galt, organisierte er 2012 die SOLPACK 1.0 in München und hält Vorträge über Trends und News zu nachhaltigen Verpackungslösungen.

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