Worum es bei der Kreislaufwirtschaft wirklich geht

von susanne volz / ecodesign wissen

Kreislaufführung dürfte eines der wirksamsten Instrumente sein, das uns bei einer nachhaltig lebenden und konsumierenden Gesellschaft zu Gebote steht. Aber es ist genau das: ein Instrument. Und kein Selbstzweck. Dieses Missverständnis führt ökologische Produkt­gestaltung noch manchmal in die falsche Richtung. In diesem Artikel erfährst do, worum es bei der Kreislaufwirtschaft im Kern geht.

1 Kreisläufe sind ein Mittel - kein Zweck

Die Vision der Kreislaufwirtschaft – oder um die sprachlich wesentlich elegantere englische Variante zu bemühen: der circular economy – ist die verlustfreie Kreislaufführung der von uns verwendeten Materialien und Produkte. Ohne Abfälle. Und wenn schon etwas abfällt, dann wenigstens in Form von Nährstoffen. Die Natur macht es vor, wir könnten es nachmachen. Und wären damit wesentlich bessere Erdenbewohner, als wir es jetzt sind.

Die Bezeichnung „Kreislaufwirtschaft“ oder „circular economy“ suggeriert, dass es bei der Kreislaufwirtschaft um das Schließen von Kreisläufen geht. Die Kreisläufe von Materialien und von Produkten zum Beispiel. Eine solche einfache Definition ist aber wesentlich zu kurz gesprungen, denn ein Kreislauf ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Und genau hier liegt die Grundlage für ein häufiges Missverständnis bei jenen Personen, die sich gerade erst am Anfang ihrer Recherche zur Kreislaufwirtschaft befinden.

Bei der Kreislaufwirtschaft geht es vor allem um Werterhalt.
Kreislaufführung ist lediglich ein Mittel dafür.

 

Der der Zweck der circular economy ist nämlich nicht die Kreislaufführung – sondern der Werterhalt. Das Wirtschaften in Kreisläufen ist für diesen Werterhalt lediglich das beste und passendste Mitteln. In aller Regel zumindest (und um die geht es uns).

2 Die Natur als unerreichte Meisterin

Das ist gar nicht so einfach, denn Wertschöpfung auf der einen Seite, ohne die gleichzeitige Wertvernichtung auf der anderen Seite ist eine Aufgabe, die es in sich hat. Analog zum 2. Hauptsatzes der Thermodynamik ist sie sogar unmöglich (du erinnerst dich: der 2. Hauptsatz ist der Grund, warum ein Perpetuum Mobile nicht möglich ist). Natürlich kann die Natur Kreisläufe auf eine Art schließen, in der es keine Abfallprodukte gibt. Die Natur hat für alles eine Verwendung. Wenn nicht heute, dann morgen. Allerdings dauert die Umwandlung manchmal auch Jahrhunderte, Jahrtausende oder gar Jahrmillionen. Für die Natur ist das ok. Deswegen kann sie auch „verschwenden“, weil sie einfach einen wirklich langen Atem hat. Aber ich bin nun mal ein Mensch, und kein Moor. Und du auch. Und deswegen müssen wir in anderen Zeiträumen denken. Wir müssen uns intensiv um Werterhalt bemühen, dessen Bilanz innerhalb eines kurzen Zeitraumes zumindest nicht allzu negativ ausfällt.

Wir müssen dem perfekten Kreislauf auf andere Weise
so nahe wie möglich kommen.

 

Außerdem ist die Natur kein geschlossenes System in der Weise, wie es für unsere Betrachtung von Produktkreisläufen in letzter Konsequenz vergleichbar wäre. Denn wir verfügen einfach nicht über die genialen Mittel, die der Natur zur Verfügung stehen. Deswegen müssen wir zugeben, dass uns in unseren Kreisläufen an Stellen Energie durch die Lappen geht, deren Umwandlung und Nutzung für die Natur ein Kinderspiel ist.

3 Was manche Kreisläufe und Alchimie gemeinsam haben

Kreisläufe, wie die Natur sie kennt, sind für uns also oft nicht eins zu eins kopierbar bzw. sinnvoll. Denn die Natur kann Abfallprodukte (abfallende Produkte bzw. Energie) verwerten, die für uns verloren sind.

Hier ein Beispiel:

Wir können so genannte Bio-Kunststoffe herstellen, die sowohl aus natürlichen Rohstoffen erzeugt werden, als auch rückstands- und schadfrei abgebaut werden. Landet eine Verpackung aus Bio-Kunststoff auf dem privaten Kompost und vermodert, verursacht sie zwar keinen direkten Schaden. Der ökologische Aufwand für die Erzeugung der Inputmaterialien und der benötigten Prozessenergie ist jedoch bei der Kompostierung weitestgehend verloren. Und der zwischenzeitlich ge- bzw. verbrauchte Nutzen steht in einem nicht befriedigenden Verhältnis zu diesem ökologischen Aufwand. Das ist ein wenig wie bei den Alchimisten, die den Gegenwert von fünf Goldstücken brauchen, um ein Goldstück herzustellen.

(Es ist hoffentlich klar, dass ich mit den Goldstücken den ökologischen Aufwand meine, oder?)

Damit sind wir wieder beim Thema Wertehalt. Wenn wir fünf Goldstücke hineinstecken, wie bekommen wir aus der Bio-Kunststofffolie auch wieder den Gegenwert von fünf Goldstücken heraus? Kreislaufführung ist dafür ein probates Mittel. Aber eben nicht der Zweck an sich.

Und deswegen reicht es nicht, ein Material oder Produkt einfach nur „kreislaufführbar“, also z.B. es schlicht aus einem abbaubaren Material zu gestalten. Das wäre Kreislaufführung nur für den Selbstzweck.

Wir müssen uns erstens fragen, wie viele Goldstücke wir für einen bestimmten Zweck wirklich in das Material oder Produkt reinstecken wollen. Fünf Goldstücke sind vermutlich viel zu viel, wir übertreiben da gerne mal (die Natur ist da wesentlich effektiver als wir). Und zweitens müssen wir sehen, dass wir die eingesetzte Menge an Goldstücken wieder rausholen (auch hier ist die Natur sehr trickreich, geduldiger als wir und sie hat außerdem einen längeren Arm).

Wir verfolgen mit kreislaufgerechtem Design das Ziel, Produkte, Komponenten und Materialien zu jeder Zeit in ihrem höchstmöglichen Nutzen und Wert zu erhalten.

4 Ökologische Produktgestaltung als Schlüsselfunktion

Um dem Werterhalt so nahe wie möglich zu kommen, nutzen wir natürlich die Möglichkeiten der Kreislaufführung. Das dann aber richtig! Unser Ziel ist es, so viele Kreisläufe oder – je nach Material – Kaskaden wie möglich zu realisieren.

Dafür setzen wir beim Design an. Wir überlegen uns vorher, welche Kreisläufe oder Kaskaden ein Produkt mit jeweils möglichst wenig Wertverlust (damit ist z.B. Verlust an Qualität, Material, Energie oder natürlich Nutzen gemeint) durchlaufen soll. Dann entwickeln wir – oder vielmehr du, wenn du Designer bist – dafür das entsprechende Design und wählen die am besten geeigneten Materialien aus. Wenn du kein Designer bist und einen brauchst, der das kann, ruf mich an. Ich kenne da ein paar gute, auf Nachhaltigkeit und Kreisläufe spezialisierte Agenturen. Berufsbedingte Bekanntschaften, sozusagen…

5 Fazit

Bei der Kreislaufführung geht es in erster Linie um Werterhalt. Ein einzelner Kreislauf-Durchlauf ist dafür aber oft nicht ausreichend.

Beim Design des Produktes und dessen Nutzen gestaltest du die Optionen für diese Kreisläufe oder Kaskaden. Du entscheidest also schon in der Gestaltungsphase darüber, ob die ökologische (und auch ökonomische!) Aufwand-Nutzen-Bilanz aufgeht.

Sich auf die Kreislaufwirtschaft einzulassen, klingt nach einer netten Idee, aber auch recht aufwändig? Denn Materialen oder Produkte auf mehrere Kreisläufe einzustellen ist ja nicht ganz trivial… ? Stimmt. Beides.

Im nächsten Artikel "Gründe und Chancen für die Kreislaufwirtschaft" nenne ich dir einige Gründe, warum du um das Design für den Kreislauf – oder auch die ökologische Produktgestaltung – aber leider nicht herumkommst. Gleichzeitig liefere ich dir die Aufzählung einige Chancen, die die aktuell zwingende Situation trotzdem für dich bereithält (Gute Gründe und vielversprechende Chancen für die Kreislaufwirtschaft und warum du darauf setzen solltest). Und falls du dich mit den Prinzipien ökologischer Produktgestaltung beschäftigen möchtest, findest du eine kurze Zusammenfassung in diesem Artikel: "Wichtige Prinzipien des Ökodesign".

Über die Autorin

Sarah Pollinger

Susanne Volz ist die Gründerin und Inhaberin von ecocircleconcept. Sie ist Umwelt­wissen­schaftlerin und Wirtschaftsjuristin und auf der Mission, ökologische Produkte zu einer Selbstverständlichkeit zu machen.

Als Schnittstelle zwischen Gestaltern, Unternehmen und der Umwelt arbeitet sie unermüd­lich daran, unternehmerischen Erfolg, verantwortungsvolles Wirtschaften und nachhaltigen Konsum zusammenzuführen.

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