Felix Mattes von Phoenix Design

von susanne volz / interviews

F: Wen fragt man am besten um Rat, wenn man nachhaltige Produkte designen möchte? A: Na, den Produktdesigner seines Vertrauens, natürlich! F: Aber kann der das denn? Nachhaltigkeit und so? A: Na klar! Jedenfalls, wenn er bei Phoenix Design arbeitet!

Interview

Phoenix Design

Susanne: Phoenix Design hat sich in fast 30 Jahren international zu einer Institution im Industrie- und Produktdesign entwickelt. Seht Ihr dadurch bei euch auch eine Verantwortung für die zukünftige und nachhaltige Entwicklung der Produkt- und Konsumwelt?

Felix: Bei unseren Kunden sind wir häufig zentral in den Entwicklungsprozess ihrer Produkte und Services eingebunden.

Weil wir uns zu 100 Prozent mit unserer Arbeit identifizieren, fühlen wir uns selbstverständlich mitverantwortlich für die Wirkung, die ein Produkt in unterschied-lichen Dimensionen entfaltet, ob es nun sozialer, ökologischer oder ökonomischer Natur ist. Unsere Kunden beauftragen uns auch deshalb, weil sie unsere Beratung wertschätzen. Dadurch empfinden wir automatisch eine große Verantwortung.

Für Phoenix Design gilt seit der Gründung durch Andreas Haug und Tom Schönherr der Anspruch, Produkte zu verbessern – und zwar nicht nur auf ästhetischer Ebene.

Nachhaltigkeit gezielt zu berücksichtigen und in unsere Prozesse zu integrieren, wird aus unserer Sicht immer bedeutender. Zum einen können sich weder unsere Kunden noch wir dem globalen Wandel entziehen. Zum anderen stehen wir für Gestaltung, die nutzerzentriert und markentypisch ausgerichtet ist. Immer mehr Konsumenten möchten nicht nur wissen, welche Funktionen ein Produkt hat, sondern auf welche Weise und in welcher Region es produziert wurde, sowie welche Schadschöpfung dahintersteckt. Gleichzeitig haben viele unserer Kunden Nachhaltigkeit als einen Kernwert in ihrer Marke verankert.

Um unserem Ziel der markentypischen Gestaltung gerecht zu werden, verhelfen wir den Werten im Produkt oder Service zum Leben. Wir verstehen Nachhaltigkeit deshalb nicht als Hygienefaktor „nice to have“, sondern als Innovationspotential, das wir gezielt bearbeiten, um Möglichkeiten für Innovation aufzudecken.

Susanne: Was meinst du damit konkret?

Felix: Häufig wird Nachhaltigkeit – wenn überhaupt – erst am Ende der Produktentwicklung berücksichtigt. Es wird dann vielleicht ein Material durch ein anderes ersetzt und das war es dann oft.

Spannend wird es aber erst, wenn man Nachhaltigkeit als Innovationsmöglichkeit betrachtet und von Anfang an in den Entwicklungsprozess integriert. Als Designer können wir analog zu anderen „Problemen“, die wir identifiziert haben, unsere Kreativität nutzen, um innovative Lösungen zu entwickeln.

Auch aus Kostensicht unserer Kunden ist dieses Vorgehen attraktiv, da das nachhaltigere Konzept nicht automatisch die Kosten in die Höhe treibt, wie bei sogenannten „End-of-the-pipe“-Lösungen, die in der Regel das Produkt verteuern. Wenn das Thema Nachhaltigkeit früh in die Konzepte mit einfließt, muss es weder Mehrkosten für den Hersteller, noch Mehraufwand für uns als Designstudio verursachen.

Noch wichtiger ist aber die Frage, welchen Mehrwert wir dem Nutzer oder dem Hersteller anbieten können, wenn wir uns den Herausforderungen nachhaltiger Gestaltung stellen. Wir suchen immer nach Win-Win-Situationen, zum Beispiel durch eine Komforterhöhung, die mit geringerem Ressourcenverbrauch auskommt.

Susanne: Kannst du dafür ein Beispiel nennen?

Felix: Prinzipiell versuchen wir die Problembereiche eines Produkts oder einer Produktgattung zu Beginn des Projekts zu klären, beispielsweise durch Analyse von Ökobilanzen ähnlicher Produkte oder Primärdaten von unseren Kunden. Es geht darum ein Gefühl zu bekommen, wo das höchste Optimierungs-Potential liegt. Unser langjähriger Kunde Hansgrohe hat zum Beispiel den CO2 Footprint der Handbrause Crometta 85 berechnen lassen, der für die Rohstoffgewinnung, Produktion bis zur Anlieferung beim Verbraucher und der Entsorgung des Produkts bei 2,17 kg1 liegt. Diese Daten zu kennen und zu optimieren ist von hoher Bedeutung, da das Produkt über Jahre hunderttausendfach verkauft wird.

Großes Potential, insbesondere auch für neue innovative Produkte, steckt aber in der Betrachtung der Nutzungsphase. In diesem Fall, welchen CO2 Footprint das erwärmte Wasser mit sich bringt. So dürfte ein Nutzer mit Gastherme nach etwa 20 Minuten Duschen schon mehr CO2 Äquivalente emittiert haben, als durch die Ressourcen, Produktion und Entsorgung der Brause zusammen2.

Das heißt nicht, dass wir nicht versuchen den Ressourcenbedarf der Brause zu optimieren. Aber wir konzentrieren unsere Nachhaltigkeitsideen in erster Linie darauf, wie der Duschkomfort beibehalten oder sogar gesteigert werden kann, während sich gleichzeitig der Warmwasserbedarf verringert. Mit solch einer Fragestellung entstehen Produktideen, auf die man sonst wahrscheinlich nicht gekommen wäre.

Susanne: Fragen die Kunden Nachhaltigkeit bei euch nach?

Felix: Ein klares Jein! Dass Kunden explizit sagen, wir möchten mit der nächsten Produktgeneration zuallererst unsere Nachhaltigkeitsbilanz verbessern, kommt sehr selten vor. Wenn wir aber das Thema gezielt ansprechen, ist das Interesse auf Kundenseite hoch.

Wie die meisten unserer Kunden gehen wir davon aus, dass Nachhaltigkeit kein Trend ist, der in ein paar Jahren wieder verschwindet. Umso drängender die Probleme werden, desto größer werden die Herausforderungen, die unsere Kunden bewältigen müssen. Sei es durch sich verknappende Ressourcen, deren Marktpreise extrem steigen, oder politische Regularien, um dem Klimawandel entgegenzusteuern.

Die Produkte oder Services, die wir gestalten, kommen häufig erst Jahre später auf den Markt und sollen dann für viele Jahre erfolgreich sein. Wir haben den Anspruch, Produkte mit besten Marktchancen zu gestalten. Und dies können wir nur, wenn wir spezielle Entwicklungen frühzeitig antizipieren.

Susanne: Euer Design steht nicht gerade für Suffizienz oder Enthaltsamkeit. Ein wenig Hedonismus schwingt da schon überall mit. Wie passt Nachhaltigkeit da rein?

Felix: Guter Punkt. Mit Design helfen wir der Industrie dabei, dass neue Produkte geboren und auf den Markt gebracht werden. Das heißt aber auch, dass wir aktiv beim Wandel zu nachhaltigeren Produkten mitwirken können. Gegen die Evolution und Weiterentwicklung von Produkten gibt es meines Erachtens nicht viel einzuwenden, insbesondere wenn nachhaltige Kriterien stärker berücksichtigt werden.

Nachhaltigere Produkte werden aber nicht alleine die Probleme lösen können, denen wir uns stellen müssen. Ich glaube, dass wir uns auch als Verbraucher, als ganze Konsumgesellschaft wandeln müssen, um langfristige Nachhaltig-keitsziele erreichen zu können. Wir versuchen deshalb auch auf Produktebene der Schnelllebigkeit und Verschwendung entgegenzusteuern. Unser Ziel sind Produkte, die Konsumenten lieben und eine langlebige Ästhetik aufweisen.

Denn oft ist nicht die technische, sondern die ästhetische Alterung der Grund, warum ein Produkt ersetzt wird. Wenn es uns gelingt, dass Nutzer länger Freude mit ihrem Produkt haben und es deshalb seltener austauschen, ist das ein kleiner Erfolg für unsere Umwelt.

Susanne: Ihr haltet Nachhaltigkeit nicht für ein rein technisches Problem, das gelöst werden muss?

Felix: Nein, auf keinen Fall. Wie schon gesagt, sehen wir Nachhaltigkeit als Innovationspotential. Als Chance, einen Mehrwert für den Nutzer und die Gesellschaft zu generieren und nicht als technisches Problem, das uns nicht betrifft und an anderer Stelle gelöst werden sollte. Die technische Ebene beschreibt für uns primär die Materialebene, die mit Sicherheit sehr wichtig ist.

Nachhaltigkeit aber auf Material und Kreislauffähigkeit zu reduzieren, greift mir zu kurz. Design ist auch Kommunikation. Welche Werte vermittelt ein Produkt? Es gibt nicht nur Hinweise, wie es bedient werden soll, sondern erzählt auch immer die Geschichte, wofür der Hersteller steht. Markentypisches Design, dem wir uns verschrieben haben, vermittelt gezielt die Markenwerte des Herstellers.

Wir wollen nachhaltige Aspekte auf unterschiedlichen Ebenen bearbeiten, damit das Produkt und das Erlebnis mit dem Produkt Nachhaltigkeit ausstrahlt.

Susanne: Zur nachhaltigen Gestaltung gehört für euch also auch eine Geschichte drumherum?

Felix: Ich würde sagen zu jeder professionellen Gestaltung, ob nachhaltigkeitsorientiert oder nicht, gehört eine gezielte Aussage, die das Produkt kommuniziert – eine Geschichte.

Dabei sehen wir das Produkt lediglich als kleinen Teil einer umfassenderen Nutzererfahrung, die wir aktiv gestalten. Das bedeutet, dass wir auch Touchpoints betrachten und gestalten, die vor oder nach der Nutzung stehen.

Die Harmonie der Geschichten von Marke, Produkt und Services ist in gesättigten Märkten wichtiger denn je, damit Marken überhaupt wahrgenommen werden und Vertrauen wecken. Insbesondere nachhaltigkeitsorientierte Marken können ohne das Vertrauen der Zielgruppe kaum erfolgreich sein.

Susanne: Das ist ein starkes Statement, das wir als Schlusswort stehen lassen können. Felix, vielen Dank für diesen Einblick in eure Designarbeit.

1 http://www.hansgrohe.de/assets/1110-Presse-Hansgrohe-Oekobilanz-Handbrause.pdf (Zugriff 2017)

2 Annahmen: Handbrause mit 6-8l/min Durchfluss. Auf 40°C mit Gastherme erwärmtes Wasser. Daten aus Grabolle, Andreas, and Tanja Loitz. „Pendos CO2-Zähler.“ Die CO2-Tabelle für ein klimafreundliches Leben. München und Zürich (2007)

Über Felix Mattes

Felix Mattes

Felix Mattes ist Senior Designer bei PHOENIX DESIGN GMBH + CO. KG. Nach seinem Studium in Pforzheim als Industriedesigner und mehreren Jahren Berufserfahrung absolviert er ein MBA Studium mit Schwerpunkt Sustainability Management an der Leuphana Universität in Lüneburg. Heute drehen sich seine Arbeitsthemen um die Schnittmenge aus Design und Nachhaltigkeit sowie die strategische und zugleich praxisnahe Implementierung für PHOENIX DESIGN und seine Kunden.

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