Gute Gründe und vielversprechence Chancen für die Kreislaufwirtschaft und warum du darauf setzen solltest

von susanne volz / ecodesign für unternehmen; business-tipps für ecodesigner

Warum solltest du dich (oder deine Kunden sich) auf Produktkreisläufe, Sekundärmaterialien oder neue, unerprobte Geschäftsmodelle einlassen? Und an welche Chancen für eine erfolgreiche Umsetzung kannst du anknüpfen? In diesem Artikel findest du gut strukturierte und schlagkräftige Argumente und Vorschläge– für dich zum Wieder- und Weiterverwenden!

1 Gute Gründe für die Kreislaufwirtschaft

Der wichtigste Grund für ein Umdenken und für eine „naturidentische“ Kreislaufwirtschaft ist der, dass wir gerade an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Lineares Wirtschaften ist kein Prinzip, das lange trägt.

Wenn eine Kreislaufwirtschaft aber so erstrebenswert, vernünftig und logisch ist – warum ist die Umstellung dann so träge und zäh und warum sind viele Unternehmen scheinbar so widerständig? Ganz einfach: es ist der oben bereits bemühte Zeithorizont. Es ist schön, wenn die Gesellschaft in zehn oder zwanzig Jahren neu aufgestellt und ein Un-ternehmen auch dann noch erfolgreich ist. Das wollen wir alle. Aber der Weg dahin ist schwierig, steinig und wird Lehrgeld erfordern. Und seien wir ehrlich – viele Unternehmen oder gar Konzerne werden auf diesem Weg über die Klinge springen.

Kein Wunder also, dass viele zwar vom Ziel überzeugt sind, aber den Aufbruch scheuen. Denn sie lassen sich auf ein Experiment ein, investieren in unerprobte Systeme, tun vielleicht das Richtige und könnten dennoch vom Markt im Stich gelassen werden. Und gleichzeitig müssen trotzdem jeden Monat weiter die Mitarbeiter bezahlt und mit finanziellem Aufwand geforscht und entwickelt werden.

Unternehmen müssen nicht in zehn Jahren erfolgreich in die
Kreislaufwirtschaft integriert sein - sie müssen die ganze Zeit auf diesem
Weg dahin erfolgreich sein und bleiben.

 

Die Rettung des Planeten ist daher zwar ein absolut vernünftiges Ziel – aber viel zu abstrakt, um zum Aufbruch auf diesen schwierigen und steinigen Weg zu motivieren.

Unternehmen – die ja schließlich auch „nur“ aus echten Menschen zusammengesetzt sind – brauchen also neben dem „rettet den Planeten“-Argument noch andere Gründe, um jetzt auf Kreislaufwirtschaft umzusteigen. Gründe, die kurz- und mittelfristig Erfolg versprechen oder Risiken abwenden und Stück für Stück den Umbau und das un-ternehmerische Überleben sichern. Zugegeben, zum aktuellen Zeitpunkt überwiegen die Argumente zur Vermeidung von Risiken. Aber auch das gehört zur Sicherung des Unternehmenserfolges dazu.

Was sind nun schlagkräftige und mittelfristig motivierende Gründe, sich noch heute – zumindest schon mal gedanklich – auf die Kreislaufwirtschaft einzustellen?

Wachstum der Weltbevölkerung

Die Weltbevölkerung wächst. Im Jahr 2055 werden wir ungefähr die 10 Milliarden-Marke knacken [Statista 2017] oder kurzfristiger gesehen: in rund zehn Jahren sind wir schon wieder etwa 1 Mrd. Menschen mehr als heute. Und das ist noch nicht alles. Wir werden nicht nur mehr, wir werden auch immer älter.

Durch diesen Umstand verschärfen sich alle Diskussionen um Knappheit und Verteilung und damit auch alle im Weiteren aufgeführten Argumente.

Verbrauch der Ressourcen über die Erneuerbarkeit hinaus

Dass wir nicht erneuerbare Rohstoffe langsam aufbrauchen, leuchtet ein. Je mehr und je älter wir durchschnittlich werden, desto schneller wird es gehen. Gemäß der aktuell populären Meinung sollen erneuerbare und nachwachsende Rohstoffe das Problem beheben oder doch zumindest vermindern. Denn erstens erneuern die sich ja, und zweitens können sie wieder nutzbringend in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden. Auch bei unserem Energiebedarf sollen Erneuerbare die allumfassende Lösung sein. Soweit dieser Ansatz in all seiner bestechenden Schlichtheit.

Nur leider wird diese Rechnung ohne die natürlich begrenzte Erneuerungsrate der jeweiligen nachwachsenden Rohstoffe (NaWaRos) gemacht, dem ein immer schneller wachsender Bedarf gegenüber steht. Was für die Überfischung der Meere gilt, gilt natürlich auch für Holz, biobasierte Kunst- und Treibstoffe, Bio-Anbau, Schilf, Gras oder Bambus. Lineare Wertschöpfung ist auch beim Einsatz von NaWaRos also einfach keine Option.

Und auch bei den Erneuerbaren Energien sind wir noch weit von den umwelt- und naturfreundlichen Ernte- und Umwandlungsbedingungen entfernt, die wir für ein verschwendungsreiches Leben bräuchten. Sehr weit.

Enge und vielfache Kreisläufe und Nutzenkaskaden sind daher zwingend notwendig, wenn die vorhandenen Ressourcen zu ökonomisch vertretbaren Preisen weiterhin zur Verfügung stehen sollen.

Risiken in der Lieferkette

Nicht-Erneuerbare und erneuerbare Ressourcen unterliegen durch tatsächliche Knappheit oder durch Monopole, politische Entscheidungen oder Krisen verursachte Knappheit zunehmenden Lieferrisiken. Die Europäische Union zum Beispiel importiert etwa sechsmal so viel Materialien und Rohstoffe, wie sie exportiert. Während die Globalisierung einerseits einen erheblichen Wohlstand schafft, wird die gegenseitige Abhängigkeit auch zu einem steigenden Risikofaktor.

Je länger und vernetzter die globalen Lieferketten sind, desto unüberschaubarer und vielfältiger werden die Risiken der Rohstoffverfügbarkeit. Das soll kein Plädoyer gegen die Globalisierung sein, im Gegenteil. Aber mit einer verstärkten Kreislaufführung und Kaskadennutzung könnten daraus resultierende gefährliche Abhängigkeiten vermindert werden.

Kreislaufführung und Kaskadennutzung vermeidet Abhängigkeiten und Risiken in der Lieferkette. Wir können, dürfen und sollten global agieren – aber wir müssten es nicht im Rahmen einer Abhängigkeit.

Preisrisiken

Manche behaupten, es gäbe nicht wirklich einen Trend steigender Rohstoffpreise aufgrund von Knappheiten. Tatsächlich stellen sich die Rohstoffpreise in vielen Fällen gerade anders da, als die Vernunft gebieten würde. Natürlich spielen bei der Preisgestaltung neben der Knappheit viele weitere Kräfte eine Rolle und viele Preisentwicklungen lassen sich erst in der Nachbetrachtung (mehr oder weniger) sinnvoll erklären. Aber gerade das macht die hohe Volatilität und das Risiko besonders starker und unerwarteter Preisausschläge aus.

Und dass sich die Preise durchschnittlich auf immer höherem Niveau einpendeln werden, ist unter Berücksichtigung aller Umstände mehr als wahrscheinlich. Dafür sorgen tatsächliche oder politisch verursachte Knappheit, zukünftige gesetzliche Regelungen oder Steuern und Abgaben.

Hohe Volatilität und Preisrisiken schwächt das Unternehmens- und Wirtschaftswachstum, zum Beispiel durch erhöhte Unsicherheit und damit verbundene Zurückhaltung bei Investitionen und Entwicklungen oder durch erhöhte Absicherungskosten (Hedging) gegen ressourcenbezogene Risiken.

Eine auf engen Kreisläufen basierende Wirtschaft vermindert ressourcenbedingte Preisrisiken und Hedgingkosten und erhöht umgekehrt die Investitionsbereitschaft.

Regulatorische Trends

Die Umweltregularien werden immer zahlreicher und umfassender. Sie betreffen nicht nur Grenzwerte, Ge- und Verbote, sondern zunehmend auch Abgaben und Steuern, die als Steuerungsinstrument auf umweltschädliche Entscheidungen erhoben werden. Um nur zwei Beispiele zu nennen:

Seit 2009 hat sich alleine die Anzahl der Gesetze, die sich auf den Klimawandel beziehen, in den in der Studie betrachteten 66 Ländern von 300 auf 500 erhöht [M. Nachmany et al.: The GLOBE Climate Legislation Study: A Review of Climate Change Legislation in 66 Countries. London: GLOBE International and the Grantham Research Institute, London School of Economics 2014].

In Europa erheben inzwischen 20 Länder Steuern auf die Deponierung von Abfällen. In den Jahren 2009/2010 wurden dadurch 2,1 Milliarden Euro umgesetzt [EEA. Overview oft he use of landfill taxes in Europe (2012)].

Die Abkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch ist zwingend. Länder und Staatengemeinschaften werden daher in Zukunft nicht zögern, diese Notwendigkeit durch Regularien und Abgaben durchzusetzen. Durch die konsequente und proaktive Umsetzung des Kreislaufgedankens können Unternehmen negative Auswirkungen solcher Regularien vermeiden.

2 Chancen für die und in der Kreislaufwirtschaft

Die sich ändernden Umstände liefern jedoch nicht nur zwingende Gründe für vernünftiges und nachhaltiges Wirtschaften, sie bieten gleichzeitig auch Optionen. Zusätzlich ermöglichen neue Technologien die Umsetzung vieler Lösungen, die es für eine funktionierende Kreis-laufwirtschaft braucht.

Wachstum der Mittelschicht

Es steigt nicht nur die Bevölkerungszahl insgesamt. Wir schaffen auch zunehmend Wohlstand. Bis zum Jahr 2030 wird sich die globale Mittelschicht voraussichtlich auf ca. 5 Mrd. Menschen verdoppeln [McKinsey Global Institute: Resource revolution. Meeting the worlds energy, materials, food, and water needs, 2011]. Gründe dafür sind unter anderem die zunehmende Bildung, Gleichstellung, Gerechtigkeit und Frieden (klingt ein wenig zynisch gerade, aber es ist tatsächlich so).

Wer als Unternehmen durch die Umstellung auf die Kreislaufgesellschaft verlässlich Zugang zu günstigen bzw. preisstabilen Rohstoffen hat und mit neuen Businessmodellen mit möglichst langlebigen Produkten bzw. Kreisläufen kontinuierliche Umsätze sicherstellt, der findet einen stetig wachsenden Bedarf vor.

Alle Menschen verdienen es, in Wohlstand zu leben. Eine konsequente Kreislaufwirtschaft kann das ermöglichen – und eröffnet gleichzeitig neue Märkte.

PS: Manche Unternehmen haben Angst davor, dass langlebige Produkte den Umsatz schmälern. Das ist nicht so. Mehr dazu in anderen (zukünftigen) Artikeln.

Nutzung bisheriger struktureller ökonomischer Verluste

Unternehmerischer Erfolg – wie auch der Erfolg von Volkswirtschaften – basiert auf Wertschöpfung. Ist es da nicht ganz erstaunlich, dass unser System so viel Abfall produziert? Den wir auch noch entsorgen müssen! Nicht nur am Ende eines Produktlebens, sondern schon bei der Herstellung. In Europa werden von den bereits veredelten Materialien und Produkten lediglich 5% des ursprünglichen Rohmaterialwertes durch Recycling und abfallbasierter Energierückgewinnung ein weiteres Mal genutzt. In Deutschland bleiben ca. 65% der entnommenen bzw. geernteten Rohstoffe ungenutzt oder müssen sogar entsorgt werden [Zahlen für das Wirtschaftsjahr 2013].

Klar kann nicht alles dieser 65% genutzt werden. Aber dennoch: was Unternehmen an Werten liegen lassen, für die sie eigentlich bereits bezahlt haben, kann man noch gar nicht ermessen.

Geschlossene Kreisläufe bieten die Chance der intensivierten Wertschöpfung. Werte, die heute einfach liegenbleiben, werden in ökonomischen und gesellschaftlichen Mehrwert umgewandelt.

Nutzung der aktuellen technischen Möglichkeiten

Viele Technologien – insbesondere der Kommunikation, Steuerung und Datenverarbeitung – , die die Kreislaufwirtschaft überhaupt erst möglich machen, kommen seit einigen Jahren erst auf. Aber nun sind sie da und können genutzt werden. Dazu gehören z.B. folgende Möglichkeiten: das Teilen von Informationen, das Tracken von Materialien in Echtzeit, Bereitstellung der Logistik für die Verteilung und Sammlung von Gütern und Materialien in kurzen Zyklen, die verbesserte Steuerung der Energieverteilung (erneuerbare Energien), die Steuerung von Diensten, etc.

Neue Technologien machen die Kreislaufwirtschaft möglich. Industrie 4.0 wird einer der Treiber für die neue Kreislaufwirtschaft sein.

Akzeptanz alternativer Geschäftsmodelle

Bisher war Besitz ein wichtiges Statussymbol. Das gesamte Wirtschaftssystem war und ist darauf ausgerichtet. Das betrifft nicht nur den Besitzt der Güter selbst, sondern auch Dienstleistungen bezogen auf den Besitz. Tarife von Autoversicherungen beispielsweise haben es bisher nicht vorgesehen, dass ein Auto gemeinsam von einer Hausgemeinschaft gemeinsam genutzt wird. Prinzipien wie „Nutzen statt Besitzen“, „Product as a Service“, „Teilen statt Besitzen“ oder „Remanufacturing“ erfreuen sich dagegen heute immer größerer Beliebtheit. Es ist zu sehen, dass hier ein Wertewandel in der Gesellschaft stattfindet, der neuen nachhaltigen Geschäftsmodellen den Boden bereitet.

Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft erfordert die Akzeptanz neuer Paradigmen. Es deutet sich ein Wertewandel in der Gesellschaft an, der einen solchen Paradigmenwechsel möglich macht. Geschäftsmodelle, die noch vor 10 Jahren undenkbar gewesen wären, können sich nun als die neuen Erfolgsmodelle herausstellen.

Verstädterung

Zum ersten Mal in der Geschichte lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten. Der allgemeine Trend und die Demographische Entwicklung lassen erwarten, dass bis zum Jahr 2050 noch weitere 2,5 Milliarden Menschen hinzukommen. Das ist eine hervorragende Voraussetzung für eine zukünftige Kreislaufwirtschaft. Denn viele logistische Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft und dazugehöriger Geschäftsmodelle lassen sich für die Stadt besser und ökonomisch erfolgreicher lösen als für ländliche Bereiche.

Die zunehmende Verstädterung ist eine gute Grundlage für eine nachhaltige, auf Kreisläufen basierende Gesellschaft.

3 Fazit

Die Zeit ist reif. Die Abkopplung des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum könnte dringender nicht mehr sein. Gleichzeitig stehen die Chancen für eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft immer besser. Gründe, jetzt damit zu beginnen, gibt es genügend. Chancen, damit erfolgreich zu sein, ebenfalls. Nutze die hier zusammengetragenen Argumente dafür, in deinem Unternehmen oder bei deinen Kunden Überzeugungsarbeit zu leisten.

Es werden weitere Artikel folgen, die einzelne Aspekte weiter vertiefen. Und wenn du bis dahin Fragen hast, Ausarbeitungen zu bestimmten Themen möchtest oder einen Workshop brauchst, dann melde dich bei mir.

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Worum es bei der Kreislaufwirtschaft wirklich geht

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Über die Autorin

Sarah Pollinger

Susanne Volz ist die Gründerin und Inhaberin von ecocircleconcept. Sie ist Umwelt­wissen­schaftlerin und Wirtschaftsjuristin und auf der Mission, ökologische Produkte zu einer Selbstverständlichkeit zu machen.

Als Schnittstelle zwischen Gestaltern, Unternehmen und der Umwelt arbeitet sie unermüd­lich daran, unternehmerischen Erfolg, verantwortungsvolles Wirtschaften und nachhaltigen Konsum zusammenzuführen.

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