Hat sich total gelohnt: Ressourceneffizienzkongress

von susanne volz / ökologische gestaltung für unternehmen

Warst du beim Ressourceneffizienzkongress in Karlsruhe? Nicht? Na, das ist nicht ganz so schlimm, wie es sein könnte, denn ich habe hier die Highlights für dich zusammengefasst. Inspirierende Vorträge, packende Startupideen, beeindruckende Persönlich­keiten, humorige Erkenntnisse und vor allem: insgesamt wieder viel gelernt. Aber lies selbst. Und im nächsten Jahr bist du hoffentlich selbst mit dabei!

„Der Große da, mit den langen Haaren. Der von der Horde Frauen umzingelt ist die aussehen, als würden sie gleich in Ohnmacht fallen...“

Das war die etwas süffisante Antwort eines der Organisatoren auf die Frage eines Teilnehmers, ob David Mayer de Rothschild denn schon eingetroffen sei.

Dieser Ressourceneffizienzkongress war nicht nur absolut informativ. Das war der im Jahr davor auch. Und der im Jahr davor auch. In diesem Jahr war der Kongress auch einfach richtig cool. Kann man echt nicht anders sagen. Und das lag nicht nur daran, dass wir Mädels einiges zu gucken hatten.

Ressourceneffizienzkongress
© Stefan Longin. Ressurceneffizienzkongres BaWü 2016. David Meyer de Rothschild.

David Mayer de Rothschild, gleich als zweiter Vortragsredner, schaffte es den Zuhörern das „Warum“ des Umdenkens näher zu bringen. Und das, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Sachlich und gleichzeitig auf eine Weise eindringlich, der man sich nicht entziehen konnte. Man konnte sich kaum vorstellen, dass es irgendeinen Betonkopf geben könnte, in den die Nachricht nicht eindringen könnte. Aber die kollektive Ernüchterung kam sofort. Denn in Anschluss an den Vortrag kam die berechtigte Frage aus dem Publikum, ob sich weltweite Bemühungen denn überhaupt lohnen würden, sollte Trump Präsident werden. Auch wenn die Frage zynisch und vermutlich eher rhetorisch gemeint war, nahm Mayer de Rothschild sich einen Moment Zeit und antwortete dann: dass andere Leute eine andere Meinung hätten und andere Dinge täten, als wir selbst für richtig hielten, sollte uns nicht davon abhalten, trotzdem konsequent weiter zu machen, mit dem, woran wir glauben. Selbst wenn diese anderen Leute Präsidenten der USA seien. „Be the change, you want to see in the World.”

Ich kann die Stimmung hier nicht so gut einfangen, aber so wie er es sagte, klang das gar nicht pathetisch. Sondern wie eine logische Konsequenz. Amen, sag ich da nur.

"I whish I chose bananas"

Bas van Abels Vortrag war am Nachmittag des gleichen Tages das passende Gegenstück zur übergeordneten Betrachtung von Mayer de Rothschild. Während dieser das übergeordnete „Warum“ adressierte, erzählte Bas van Abel über das ganz konkrete Wie.

Wie schafft man es ein Smartphone, eines der komplexesten Konsumprodukte überhaupt, fair herzustellen. Dabei wurde klar, dass keiner das alleine kann – und das dass Ziel noch lange nicht erreicht ist. Bas van Abel sprach über den Hintergrund der Gründung von Fairphone. Er wollte damals zeigen, dass es nicht so sein muss, wie es ist. Man könne Produkte doch auch fair herstellen. Aber statt zu jammern und zu beschuldigen, wollte er es einfach selbst besser machen, und dadurch ein positives Beispiel geben.

Er wurde dann später aus dem Publikum gefragt, warum er das denn ausgerechnet gleich an so einem komplexen Produkt wie einem Smartphone zeigen wollte. Bas van Abel meinte darauf ziemlich trocken, im Nachhinein betrachtet wünschte er auch, er hätte sich stattdessen an Bananen gehalten. Angesichts des Klimawandels und der gemeinsamen aber freiwilligen Beschränkungen, denen sich Unternehmen und Staaten unterwerfen sollen, ist eine gängige Reaktion immer noch: wenn die nicht…, dann ich auch nicht… .. Dieses Verhalten ist unter bestimmten Bedingungen nachvollziehbar und tatsächlich rational – so wenig uns diese Einsicht gefallen mag. Wer´s nicht glaubt, beschäftige sich mal ein wenig mit der Spieltheorie.

Bas van Abel hinterließ in seinem Vortrag aber deutlich den Eindruck (jedenfalls bei mir), dass diese Haltung und die Bedingungen sich gerade verändern, und es für Unternehmen zunehmend wichtiger ist, es genau anders herum zu betrachten: wenn die…, dann ich auch… .

Der vierte Satz Hauptsatz der Thermodynamik

Ressourceneffizienzkongress
© Stefan Longin. Ressurceneffizienzkongres BaWü 2016. ScienceSlam.

Mit diesen beiden Vortragsrednern dachte die Umwelttechnik Baden-Württemberg (UTBW) vermutlich, sie hätte die zwei emotionalen Highlights der Veranstaltung eingeladen. Weit gefehlt, würde ich mal sagen. Die Vorträge waren hervorragend – ohne Frage. Launig. Inspirierend. Besonders. Aber das Highlight des Infotainments war eindeutig der Science Slam!

Wir haben gelernt:

  • … was mexikanische Mamas mit der Fassung von Sonnenenergie zu tun haben.
  • … warum Eisbären nicht explodieren, auch wenn sie stundenlang in der Sonne liegen.
  • … wie man Müslireste mit gefaktem Eisen glücklich machen kann, während sie auf Sauerstoffentzug eine Rutsche runterrutschen.
  • … dass eine Polonaise im Altenheim mehr mit Biokunststoff zu tun hat, als wir gemeinhin dachten.

Wenn du von mir jetzt die coolen Geschichten hinter diesen Teasern erwartest, muss ich dich enttäuschen. Das ist die Strafe dafür, dass du nicht da warst. Selbst schuld. Und meine mangelnde Kooperationsbereitschaft in diesem Fall hat auch überhaupt nichts damit zu tun, dass mich eine kompetente Zusammenfassung der einzelnen Vorträge fachlich etwas überfordern würde. Komm das nächste Mal einfach selbst! So!

Ressourceneffizienzkongress
© Stefan Longin. Ressurceneffizienzkongres BaWü 2016. ScienceSlam.

Den vierten Hauptsatz der Thermodynamik will ich dir aber nicht vorenthalten. Er lautet: „Wenn einer mexikanischen Mama kalt ist, muss die ganze Familie eine Jacke tragen.“ Wir im Publikum waren uns einig, dass das auch für deutsche Mamas gilt.

Der Science Slam war als Abschluss der Veranstaltung wahrlich die Schokostreusel auf der Kirsche auf der Sahne auf dem Eis. Wir haben uns eine gute Stunde lang lachend die Bäuche gehalten und dabei noch eine Menge gelernt. Aber meine Begeisterung für diese „leichte Unterhaltung“ soll nicht darüber hinwegtäuschen, wie inhaltlich hochkarätig die vorangegangene Veranstaltung (und natürlich auch der Science Slam) war.

"Wenn einer mexikanischen Mama kalt ist, muss die ganze
Familie eine Jacke tragen."

 

"Viele Lösungen gibt es schon."

Michael Schedler von der Firma Circular Economy Solutions GmbH hat gezeigt, dass für viele Umweltprobleme Lösungen bereits vorhanden sind. Es braucht „nur“ eine unternehmerische oder organisatorische Umsetzung, um Lücken zu schließen und Verbindungen zu schaffen.

Ressourceneffizienzkongress
© Stefan Longin. Ressurceneffizienzkongres BaWü 2016. Best of GIIF.

Insgesamt hat der Kongress die Möglichkeit geboten, viele solcher Lücken zu entdecken. Für die Lösung einiger unserer Umweltprobleme brauchen wir vermutlich außergewöhnliche, neue und paradigmenverändernder Innovationen. Manchmal braucht es auch schlichtweg Tatkraft und jemanden, der es „einfach“ angeht. Und oft genug braucht es die Kombination daraus. Beleg dafür waren die Best of „Green Innovation and Investment Forum 2016“-Pitches.

Die Lösungen der vorgestellten Startups standen ganz im Zeichen von Energie(rück)gewinnung und Aufbereitung von Rohstoffen. Wer mehr davon sehen will, der sollte zum Pitching Event des Green Innovation Investment Forum am 8. Mai 2017 in Stuttgart gehen.

Prof. Nabil Z. Nasr vom Rochester Institut of Technology (NY) hat einen bemerkenswerten Vortrag über Nachhaltige Produktion und Kreislaufwirtschaft gehalten. Es geht einfach so viel mehr, als wir im Moment umsetzen. Selbst ohne irgendwelche abgefahrenen Technologien, die alle noch entwickelt werden müssen, gibt es schon so viel Potenzial für ökologischere Produkte und Prozesse. Wir müssen es „nur“ tun. Zwar gemeinsam, weil wir in Systemen agieren, innerhalb derer wir natürlich an einem Strang ziehen müssen. Es macht zum Beispiel wenig Sinn, wenn jedes Land ganz eigene und unterschiedliche Entsorgungswege beschreitet. Aber gemeinsam könnten wir jetzt schon so viel bewegen!

Der Kongress war eine gute Plattform, um für solche Maßnahmen unternehmerisch sinnvolle Allianzen zu schließen. Aber nicht nur Amerikaner können gute Vorträge! Auch unsere EU-Kommissare lassen sich in Punkto mitreisende Vorträge nicht lumpen. Die Auseinandersetzung und Arbeit mit der Ökodesign-Richtlinie gehört zu meinem Job. Es ist aber keine Aufgabe, die große berufliche Leidenschaft bei mir auslöst. Und insgesamt setze ich mehr auf Innovationswillen, als auf die Regulierung von allem und jedem.

Aber als Herr Kestutis Sadauskas, bei der Europäischen Kommission im DG Environment verantwortlich für Circular Economy & Green Growth, mit seinem Vortrag zu Ende war, dachte ich nur: „Go, Ökodesign-Richtlinie!!!“. Ich finde es beruhigend zu sehen, wenn die richtigen Leute an der richtigen Stelle sind. Und dass auch in EU-Behörden Menschen mit Passion sitzen. Herr Sadauskas Vortrag hat deutlich gemacht, wie ernst der Kommission die Abkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenbedarf ist. Der Treiber dahinter sind natürlich markt- und volkswirtschaftliche Zwänge. Aber das zeigt nur einmal mehr, wie untrennbar die drei Säulen der Nachhaltigkeit miteinander verbunden sind.

 

"Das, und noch mehr..."

Die angebotenen Veranstaltungen waren so vielfältig, dass die meisten davon parallel angeboten wurden. Deswegen musste ich natürlich eine Auswahl dessen treffen, was ich mir ansehen wollte. Das ist mir nicht leichtgefallen, denn es gab nur wenig, dass mich nicht interessiert hat. Die Ergebnisse dieser Besuche (und natürlich weiterer Recherchen und Erfahrungen) werde ich aber in zukünftigen Artikeln verarbeiten, sodass du auch was von diesen beiden Tagen hast, auch wenn du nicht da warst. In diesen Artikeln wird es dann gehen um:

  • … Rohstoffrisiken und deren Vermeidung.
  • … Die mögliche Revolutionierung der Wertstoffsortierung.
  • … Die Grenzen von Cradle to Cradle.
  • … Den zukünftigen Nutzen der Ökodesign-Richtlinie.
  • … Erfolgversprechende Geschäftsmodelle.
  • … und natürlich Beispiele von Unternehmen, die mit ihren innovativen Produkten, Ideen und Geschäftsmodellen zu einer nachhaltigen Gesellschaft beitragen.

Natürlich speise ich die Inhalte für diese Artikel nicht nur aus den Beiträgen des Kongresses. Aber da ich diese Themen sowieso für dich auf dem Zettel habe, passt das thematisch gut zusammen.

Viele Grüße

Susanne

PS: keinesfalls möchte ich die Präsenz unserer MdL, Herrn Ministerpräsidenten W. Kretschmann, Frau Ministerin Dr. Hoffmeister-Kraut und Herrn Minister Untersteller unterschlagen. Deren Vorträge haben äußerst beruhigt. Und zwar in dem Sinne als wir sicher sein können, dass Baden-Württemberg definitiv nicht Gefahr laufen wird, die nötigen Innovationen hin zu einem wettbewerbsfähigen Standort zu verpennen. Diesbezüglich können wir uns mit diesen Volksvertretern ganz entspannt zurücklehnen..

Über die Autorin

Sarah Pollinger

Susanne Volz ist die Gründerin und Inhaberin von ecocircleconcept. Sie ist Umwelt­wissen­schaftlerin und Wirtschaftsjuristin und auf der Mission, ökologische Produkte zu einer Selbstverständlichkeit zu machen.

Als Schnittstelle zwischen Gestaltern, Unternehmen und der Umwelt arbeitet sie unermüd­lich daran, unternehmerischen Erfolg, verantwortungsvolles Wirtschaften und nachhaltigen Konsum zusammenzuführen.

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