Oberste Priorität: Energieeffizienz?

von murat yildiz / ökologische gestaltung für unternehmen

Mehr Effizienz, weniger Kosten. Eh klar. Weniger Energieeinsatz, mehr fossile Ressourcen gespart. Auch klar. Klingt vernünftig. Klingt notwendig. Klingt wie etwas, das man umsetzt, wenn man im Unternehmen neben dem Arbeitsalltag mal Zeit hat. Aber gibt es vielleicht noch weitere Gründe für mehr Energieeffizienz? Gründe, die alleine oder in ihrer Gesamtheit den Platz auf der Rangliste der Prioritäten drastisch nach oben korrigieren? Gibt es! Einige davon (für alle hat der Platz nicht gereicht) finden Sie in diesem Artikel.

Weniger essen, ist besser. Menschen, die weniger essen, sind insgesamt gesünder. Sie sehen (meistens) wesentlich besser aus. Und sie sparen Kosten.

Es gibt noch mehr Argumente. Aber alleine die genannten sollten ja wohl ausreichen, um vernünftige Leute zur Vernunft zu bringen. Oder? Natürlich! Sobald ich diese Argumente kenne, verzichte ich auf das zweite Stück Apfelkuchen, greife ich gerne zu Gemüse statt Nudeln und trinke lieber einen Smoothie, statt den dritten Kaffee.

Totaler Quatsch!

Um unsere Gewohnheiten, unser Leben zu ändern, brauchen wir andere Treiber, als die Vernunft. Veränderung ist anstrengend. Echter Wandel braucht stärkere Motivation, als die Vernunft. Das ist überall so. Auch bei der Energieeffizienz in der Produktion. Um damit endlich mal zum Punkt des Artikels zu kommen. Deswegen habe ich Ihnen hier ein paar Gründe für Energieeffizienz in der Produktion zusammengestellt, die zwar auch vernünftig sind. Aber nicht nur. Sie sind wichtig. Lebenswichtig.

Beim Energieeinsatz ist der Zusammenhang zwischen Verbrauch
und Umweltlasten besonders deutlich .

Weniger Energie ist immer besser

Weniger Energie verbrauchen, ist besser. Energieeffizienz spart Ihnen Kosten. Das ist klar. Aber wissen Sie was? Es geht hier nicht nur um Sie – oder um Ihren Geldbeutel. Es geht auch nicht um mich. Es geht um uns alle. Um Ihre Kinder. Um meine Kinder. Um unsere Natur. Um die Welt, wie wir sie kennen. Zu dramatisch für Ihren Geschmack? Energieeffizienz in der Produktion kann so relevant nicht sein?

Doch. Sie ist noch viel relevanter.

Wenn ich schreibe, es gehe um unsere Natur, dann spricht aus mir nicht nur der Romantiker. Ich spreche dabei ganz naturwissenschaftlich vor allem über die Ökosystemdienstleistungen. Sauberes Wasser. Frische Luft. Vertretbares Klima. Nachwachsende Rohstoffe. Gesunde Böden.

Der Zusammenhang zwischen Energieverbrauch und Umweltlasten

Beim Einsatz von Energie aus fossilen Brennstoffen ist der Zusammenhang zwischen Effizienzverbesserung und Verminderung von Umweltlasten besonders deutlich. Kleine und einfache Maßnahmen bei der Energieeffizienz können zu erhebliche Verbesserungen der Umweltleistung führen. Der Hebel ist dabei oft größer, als z.B. bei der Verbesserung der Materialeffizienz (was diese selbstredend nicht redundant macht).

Warum ist das so? Jede Nutzung von Energie ist mit Umweltlasten verbunden. Es werden der Boden, das Wasser und die Atmosphäre belastet. Die Belastung der Atmosphäre kann noch in zwei Kategorien aufgeteilt werden, nämlich in die Belastung der Luft durch Emissionen (Luftreinheit) und die Beeinflussung des Klimas. Alle diese Medien bieten uns als Ökosystemdienstleistung (unter anderem) eine Senkenfunktion an. Das heißt, sie nehmen wie ein Schwamm die Schadstoffe auf, die wir in die Welt pusten. Sie nehmen sie auf und puffern die schädliche Wirkung auf die Umwelt. Auf uns.

Halten sich die Schadstoffe und deren Nachschub in Grenzen, dann reinigen sich die Umweltmedien langsam wieder selbst. Sie verstoffwechseln die Schadstoffe. Das funktioniert aber nur so lange, bis die Speicher voll sind und überlaufen. Dann wars das mit der Senkenfunktion. Dann heißt es: „No can do´s ville, baby doll.“ Und wissen Sie was? Die Speicher sind voll! Der Klimawandel ist der in der Öffentlichkeit berühmteste Indikator dafür. Das Immunsystem funktioniert nicht mehr. Die Welt hat Fieber. Sozusagen.

Energieerzeugung macht sauer – Gewässer, Luft und Böden

Das gleiche können wir aber nicht nur beim Klima, sondern auch in Gewässern, Böden und in der Luft beobachten. Denn die Emissionen aus der Energieerzeugung, vornehmlich Kohlendioxid, Stickoxid, Schwefeloxid, Kohlenwasserstoffe und Staub, belasten alle diese Umweltmedien.

Die Weltmeere beispielsweise sind eine gigantische Kohlendioxidsenke. Sie nehmen überschüssiges Kohlendioxid aus der Luft auf – inzwischen schon weit mehr, als sie puffern können. Dadurch sinkt ihr pH-Wert, ein Effekt, der als Versauerung bekannt ist. Die Meere sind heute 30% saurer als zu Beginn der industriellen Revolution! Die Auswirkungen sind so umfangreich wie verheerend. Aber nicht nur die Versauerung nimmt zu, auch der Sauerstoffgehalt der Meere sinkt durch die Aufnahme des Kohlendioxids. Da kaltes Wasser mehr Gase aufnehmen kann als warmes, macht sich dieser Effekt in der Nähe der Pole am deutlichsten bemerkbar. Ebenfalls mit katastrophalen Folgen.

Die Auswirkungen der Schadstoffe aus der Energieerzeugung für Klima, Luft, Gewässer und Böden sind kleinteilig und umfangreich. Ich kann sie hier nicht alle ausführen. Was klar werden sollte, ist hoffentlich klar: Die Emissionen aus der Energieerzeugung sind erheblich und betreffen alle Umweltmedien. In Deutschland machten die Treibhausgase aus der Energieerzeugung im Jahr 2014 insgesamt über ein Drittel der gesamten Treibhausgasemissionen aus!

Die Korrelation zwischen Energieverbrauch und Umweltlasten

Aber hier kommt die gute Nachricht. Dadurch, dass der Zusammenhang zwischen Energieerzeugung und Umweltlasten so stark ist, haben wir gleichzeitig eine der größten Stellschrauben für eine zukünftige umweltfreundliche Produktion. Denn die Korrelation zwischen dem KEA (Kumulierten Energieaufwand) und dem Klimawandel ist nahezu linear und beträgt 89%. Die Korrelationen der anderen Senkenfunktionen sind mit zwischen 75% bis 79% ebenfalls stark ausgeprägt [Indikatoren / Kennzahlen für den Rohstoffverbrauch im Rahmen der Nachhaltigkeitsdiskussion. Hrsg. Umweltbundesamt. Dessau-Roßlau, Jan 2012]

Die Schlussfolgerung ist also absolut logisch: wir müssen unseren Energieverbrauch senken. Denn er ist der Schlüssel zur Lösung vieler – ich möchte sagen, der größten – unserer Umweltprobleme.

Sind Erneuerbare Energien nicht die Lösung?

Jetzt sagen Sie: „Halt! Stopp! Wenn das alles ist?! Dann haben wir doch schon eine Lösung! Erneuerbare Energien!“ Klar. Gut mitgedacht. Der Wirkungsgrad der Energieerzeugung aus fossilen Brennstoffen liegt je nach Brennstoff und Kraftwerk irgendwo zwischen 34% und 46%. Ziehen wir die Netzverluste noch ab, dann einigen wir uns zur Vereinfachung der Diskussion mal darauf, dass wir durchschnittlich so um die 40% der eingesetzten Primärenergie auch wirklich nutzen können (es sind weniger, aber da will ich jetzt nicht drauf rumreiten). Jetzt sagen Sie: wenn wir irgendwann vollständig erneuerbare Energien nutzen, dann haben wir ja quasi alleine dadurch ca. 60% des aktuellen Primärenergiebedarfs eingespart, die wir jetzt bei Nutzung der fossilen Brennstoffen noch brauchen. Die stattdessen entstehenden Umweltlasten aus Primärenergieerzeugung aus Wind-, Wasser- und Sonnenkraft sind im Vergleich gering, die Wirkungsgradverluste aus verschiedenen Gründen vernachlässigbar. Ergo haben wir dann genügend Energie bei verschwindend geringen Umweltlasten. Also alles prima! Wer braucht da noch Energieeffizienz.

Dazu sage ich: Klingt gut. Aber, leider, leider… .

"Ohne mehr Effizienz geht es nicht"

Es gibt inzwischen viele Studien über die Machbarkeit der 100%-Energiewende bis 2050. Manche gehen davon aus, dass sie machbar ist. Natürlich unterscheiden sich die Studien in bestimmten Annahmen, Vorhersagen, vorgeschlagenen Maßnahmen und festgelegten Szenarien.

Manche glauben auch nicht an die 100%. Aber alle sind sich einig: Effizienz ist eine entscheidende Säule für die vollständige oder teilweise Energiewende. Denn unser Energiebedarf wird grundsätzlich erheblich zunehmen und nur massive Effizienzsteigerungen können diesen zusätzlichen Bedarf in einem Rahmen halten, den wir mit erneuerbaren Energien bis dahin auch nur annähernd decken können.

Deswegen hier die nächste Schlussfolgerung: Egal, wie es kommt. Egal, wie wir es drehen und wenden. Egal, was die Politik sich als nächte Umweltschutzmaßnahme einfallen lassen wird. Ganz egal, wie die Kosten für Energie sich entwickeln werden. Energieeffizienz wird die Hauptrolle in dem Stück „Naheliegende Maßnahmen meiner (also Ihrer) zukünftigen Prozessoptimierung“ spielen.

Und weil Ihr Geldbeutel doch nicht ganz unwichtig ist, dazu auch noch ein paar relevante Anmerkungen.

Kosteneinsparung durch Energieeffizienz

Bei wem es nicht schon längst so ist, bei dem wird sich Energieeffizienz spätestens zukünftig nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor entwickeln. Denn sinken werden die Strompreise langfristig sicherlich nicht.

Ein Beispiel:

Die Energiekosten der Kunststoffverarbeitenden Industrie liegen bei ca. 2% des Jahresumsatzes (abhängig von Produkt und Standort). Gleichzeitig liegt die Umsatzrendite bei ca. 2,5%.

Wenn Sie Ihren Umsatz um 200‘000 CHF steigern, dann erreichen Sie eine zusätzliche Rendite von 5‘000 CHF. Was müssen Sie alles tun, um 200‘000 CHF mehr Umsatz zu generieren? Einiges, vermutlich. Und wenn es einfach wäre, dann würden Sie Ihre Umsätze mühelos in ungeahnte Höhen schrauben.

Aber irgendwann ist nach oben halt auch mal Schluss. Jedenfalls mithilfe der vorhandenen Ressourcen. Wenn Sie aber durch Energieeffizienzmaßnahmen 5‘000 CHF einsparen, dann entspricht das ebenfalls einer Umsatzsteigerung von 200‘000 CHF! Und diese Einsparungen sind möglich!

Nochmal in einem kurzen Satz: Energiekosteneinsparungen von 5‘000 CHF entsprechen einer Umsatzsteigerung von 200‘000 CHF!

Klar sind auch die Effizienzgewinne begrenzt. Durch Einzelmaßnahmen lässt sich in der Industrie die Energieeffizienz tatsächlich kaum noch steigern. Die Ursache dafür sind die komplexen technischen Abhängigkeiten und zahlreiche konkurrierende Zielstellungen (Qualität, Produktivität, Verfügbarkeit, usw.). Aber genau in dieser Komplexität stecken noch ungeheure Effizienzpotenziale. Man muss dafür nur ein wenig genauer hinschauen, etwas tiefer graben – und ein bisschen Phantasie haben.

Deswegen haben wir die Bycon GmbH gegründet. Wir, das sind drei Ingenieure, Konstrukteure und Betriebswirtschaftler mit langjähriger Berufserfahrung. Unsere Stärke ist es, solche komplexen Anforderungen in adäquate, individuell angepasste Maßnahmen umzusetzen. Konkret geht es darum, die Produktpalette statt auf minimalen Energieverbrauch auf maximalen Ertrag zu trimmen.

Fazit

In jedem denkbaren Energieszenario spielt Energieeffizienz eine tragende Rolle. Die vorhandenen Potenziale auszuloten und umzusetzen wird ein Stückchen Arbeit, denn die low hanging fruits sind in vielen Unternehmen bereits gepflückt. Deswegen ist es essentiell, dass Sie sich rechtzeitig an die komplexeren Effizienzpotenziale heranwagen und sich in Position bringen. Denn schon John Wayne wusste: wenn du den Zeitpunkt und die Umstände wählen kannst, ist das Duell schon halb gewonnen.

Murat Yildiz

Über den Autor

forest tree

Murat Yildiz ist Maschinenbauingenieur und Betriebswirtschaftler. Sein Lieblingsspruch war schon immer: „Geht ein Maschinen­bau­ingenieur mit ein paar Konservendosen in den Wald, kommt er mit einer Lokomotive wieder heraus.“

Vor vier Jahren hat er gemeinsam mit zwei Freunden die Bycon GmbH gegründet, um Firmen bei der wichtigen und sinnvollen Aufgabe zu helfen, ihre Energieeffizienz zu steigern.

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