Prof. Andreas Kramer von der HfK Bremen

von susanne volz / interviews

Die Hochschule für Künste (HfK) in Bremen bietet den Studiengang Integriertes Design an. Dieser Studiengang ist außergewöhnlich interdisziplinär und erlaubt außerdem die Zusammenstellung eines ganz individuellen Profils. Als einer der Schwerpunkte können sich Studierende auch auf das Thema Ecodesign einlassen – und danach damit gute Jobs finden, wie die Erfahrung zeigt. Wie das geht und was die HfK sonst noch so bietet, das erzählt uns Prof. Andreas Kramer heute.

Interview

Studio Montag

Susanne: Hallo Andreas. Danke, dass du dir die Zeit nimmst, mir ein paar Fragen zu beantworten. Du bist Professor für Produktdesign an der Hochschule für Künste (HfK) in Bremen für den Studiengang Integriertes Design. Was ist das denn genau?

Andreas: Hallo Susanne. Ich freue mich sehr über Dein Interesse an dem was wir an der HfK-Bremen so machen. Ja, Integriertes Design, was ist das eigentlich? Das fragen wir uns auch jeden Tag aufs Neue.

Entstanden ist es eigentlich aus der Erkenntnis, dass von Designern vermehrt erwartet wird eben nicht nur in einer Disziplin zu denken und zu arbeiten, sondern eben interdisziplinär. Also der Produktdesigner soll z.B. auch wissen, wie man eine Internetseite gestaltet und programmiert, oder das Corporate Design für ein Unternehmen. Konkret sieht das dann bei uns so aus, dass jeder Studierende sich aus über 16 Lehrgebieten, plus Angeboten aus der Freien Kunst oder der Musik, fast völlig frei sein Kursmenü zusam-menstellen kann und so zu einem einzigartigen Gestalter wird.

Susanne: Wie du sagst, die Anforderungen an Designer werden immer vielfältiger. Kulturübergreifendes Design, Digitalisierung, Demographischer Wandel, Nachhaltigkeit, Industrie 4.0… Welcher Designer hat bei einem solchen Marktumfeld deiner Meinung nach langfristig die besseren Karten: die Generalisten oder die Spezialisten?

Andreas: Der Markt sucht sowohl Spezialisten als auch Generalisten, und beides ist möglich bei uns. Wie ich eben schon erwähnte, wir lassen es unseren Studierenden weitestgehend offen, wo sie sich platzieren möchten. Die Schwierigkeit liegt eher darin, dass die Studierenden ihren individuellen Weg finden müssen. Und das ist nicht immer einfach bei einem so großen Ausbildungsangebot und einer so unspezifischen Nachfrage.

Was mag ich? Was kann ich? Wie weit bin ich bereit, ganz tief in etwas einzutauchen? Das erfordert eine sehr hohe Selbstdisziplin und eine gutes Reflektionsvermögen. Und die Anforderungen werden sich ja in der Zukunft auch weiter verändern, d.h. im Wesentlichen geht es eigentlich auch im Design darum zu lernen, wie man ein Leben lang lernt …

Susanne: Siehst du Integriertes Design mit seiner interdisziplinären Ausrichtung eher als eine besondere Form der Spezialisierung – eben eine Spezialisierung auf das Design an den Schnittstellen zwischen Disziplinen? Oder ist es eher interdisziplinäres Grundlagenwissen, das jedem Designer gut täte?

Andreas: Es kann beides sein oder werden. Und viel zu wissen und zu können ist immer von Vorteil. Es ist eher ein zeitliches oder finanzielles Problem, sich angemessen zu bilden. Ich sehe den Studiengang als Angebot für sehr, sehr Vieles. Der Studierende muss entscheiden, was er davon annimmt.

Susanne: Bei euren Studienangeboten interessiert mich natürlich besonders euer Engagement für die ökologische Gestaltung. Ihr habt seit einiger Zeit immer wieder Veranstaltungen und Wettbewerbe zum Thema Upcycling. Wie fing das an?

Andreas: Mit dem Upcycling haben wir uns 2013 im Rahmen einer Kooperation der Bremer Entsorgungsbetriebe mal sehr ausführlich beschäftig. Wir konnten einen hochschulinternen Wettbewerb ausloben, der bei unseren Studierenden auf sehr viel Resonanz gestoßen ist.

Upcycling bietet gute Möglichkeiten, mit dem Thema Eco-Design zu starten. Man kann ganz schnell mit einfachen Mitteln für Gestalter zu interessanten Ergebnissen kommen. Aber in unserem Studiengang gibt es in den verschiedenen Lehrgebieten regelmäßig Lehrverstaltungen zum Thema Ökologie und Ökonomie. Immer abgestimmt auf das entsa-gende Lehrgebiet.

Susanne: Ihr bietet außerdem in eurem Masterstudio den Schwerpunkt Ecodesign an. Damit lässt sich die HfK deutlich auf das Thema ökologische Gestaltung ein. Siehst du die HfK als Trendsetter auf diesem Gebiet? Oder reagiert ihr damit eher auf eine Nachfrage.

Andreas: Also, die Nachfrage bei den Studierenden ist tatsächlich enorm groß. Wir haben das sofort nach dem Start unseres Masterstudios „Material und Technologie“ festgestellt. Es gibt viele BA-Absolventen die sich schon sehr intensiv mit dem Thema Eco-Design z.B. in ihren Abschlussarbeiten beschäftigt haben und es nun vertiefen wollen.

Deshalb haben Bettina Catler-Pelz, mit der ich das Studio leite, und ich beschlossen, regelmäßig Lehrveranstaltungen anzubieten und natürlich sind wir bei jedem Projekt sensibilisiert für das Thema. Soll heißen, natürlich gehört Eco-Design immer zu einem „nachhaltig“ gestalteten Produkt. Jedoch versuchen wir bei den spezialisierten Kursen konzentriert auf ökologische Probleme zu schauen und auch mit den vielen Widersprüchen und Problemen zurecht zu kommen, die das Thema mit sich bringt. Ob wir da ein Trendsetter sind weiß ich nicht, auf jeden Fall denke ich geben wir dem Thema den erforderlichen Raum.

Susanne: Wie gehen die Studierenden mit den Inhalten zum Thema Ecodesign um?

Andreas: Wie schon gesagt, es hat eine hohe Akzeptanz bei den Studierenden. Es kann jedoch auch anfangs frustrieren, wenn man merkt wie komplex es ist, weil es leider kein Patentrezept gibt und man sich der Wahrheit nur mit sehr viel Aufwand nähert. Jeder, der schon mal versucht hat selber eine Ökobilanz anzufertigen, weiß wohl, was ich meine.

Susanne: Wie weit können die Studierenden das Thema Ecodesign bei der HfK mitgestalten?

Andreas: Je mehr, umso besser! Da wir ja grundsätzlich sehr projektorientiert arbeiten, müssen sich unsere Studierenden i.d.R. auch ihre Themen selber suchen. Das ist ja häufig bei einem Projekt schon die halbe Arbeit, ein adäquates Thema zu finden. Wir Lehrenden sehen uns dabei eher als Begleiter, die fordern und fördern.

Susanne: Ich stelle oft fest, dass junge Leute einen viel selbstverständlicheren Zugang zu dem Thema ökologische Produkte und nachhaltigen Konsum haben, als wir zu meiner Jugendzeit. Was ist deine Erfahrung, wenn die Studierenden in eure Kurse kommen? Gibt es eine Vorbildung oder feste Meinungen darüber, was ökologische Produkte sind oder sein sollten? Einfach aus dem Alltag oder aus der eigenen Konsumentensicht heraus?

Andreas: In anderen Lehrveranstaltungen beschäftigen wir uns mit Trends und Marketing. Wenn ich dann frage zu welcher Zielgruppe sich die Studierenden selber zählen würden, stellen sie meist verblüfft fest, dass die größte Deckung mit den so genannten LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability) besteht. Ich glaube insgesamt, dass das ein zunehmender Trend in den Industrieländern ist. Das zeigt auch deutlich den Unterschied zu den Anfängen der grünen Müsli- und Birkenstock Bewegung in den 80er, wo es nur entweder oder gab.

Susanne: Wie kritisch erlebst du deine Studierenden, wenn es um den Anspruch an Designer geht, Dinge für einen schnellen Konsumkreislauf zu entwerfen oder „aufzuhübschen“.

Andreas: Victor Papanek leitet sein Buch „Design fort the real world“ mit den Worten ein: „Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des Industriedesigners, aber viele sind es nicht“. Das kann ich gerne unterschreiben! Aber was sollen wir machen? Design ist eben keine Wis-senschaft. Wie schon gesagt, wir denken es ist sinnvoll, Studierenden mit möglichst vielen Blickwinkeln der Gestaltung vertraut zu machen. Und das sind verdammt viele. Am Ende des Studiums, oder vielleicht auch erst sehr viel später, muss dann jeder Gestalter selber sehen wie verantwortlich er damit umgeht.

Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des Industriedesigners,
aber viele sind es nicht.
Victor Papanek

Susanne: Was können eure Studierenden, wenn sie den Schwerpunkt Ecodesign bei euch gewählt haben? Was ist der konkrete Nutzen für Unternehmen?

Andreas: Also direkt einen Schwerpunkt Eco-Design haben wir ja nicht, aber Studierende unseres MA-Studios kennen alle Gesichtspunkte des Eco-Designs und sind in der Lage, Produktentwicklungen kritisch zu begleiten. D.h. sie berücksichtigen von Anfang an den ge-samten Produktlebenszyklus. Beispielhaft stellen sie das an mindesten einem Projekt da. Bisher waren das ganz unterschiedliche Themen. Mal aus dem Bereich Material wo es um die Entwicklung neuer Werkstoffe geht. Dann wieder um die Ressourcenschonung durch Recycling, Upcyling oder Materialeinsparung. Oder Langlebigkeit durch Reparierbarkeit. Unternehmen bekommen also Designer, die einerseits den Gestaltungsprozess im Auge haben, mit allem, was dazu gehört. Und andererseits die Ökologie gleich von Anfang an mitdenken.

Nachhaltige Aspekte, die gut für die Umwelt sind, aber auch den Kunden als Kaufargument gut vermittelt werden können, werden dabei von Anfang an integriert, statt sie hinterer „nachzurüsten“. Das reduziert für Unternehmen die Kosten bei der Produktentwicklung und erhöht die Umsatzchancen.

Susanne: Einige eurer Studierenden und Absolventen/innen haben sich ja bereits erfolgreich auf die ökologische Gestaltung eingelassen, richtig?

Andreas: Ja richtig! Besonders freue ich mich über Kooperationen mit Unternehmen und Instituten. Z.B. hat eine Studentin von uns ihre MA-Thesis zusammen mit einem Unternehmen erstellt, das Kinderrucksäcke herstellt. Sie hat ganz gezielt geschaut, wie man das in dem Unternehmen nachhaltiger machen kann. Und am Ende hat sie eine sehr schöne neue Serie für Kindergartenkinder entwickelt. Und sie wurde anschließend dort eingestellt.

In einer anderen BA-Abschlussarbeit ging es um die Verwendung von Seegras, das in großen Mengen anfällt und wofür es noch keine sinnvolle Verwendung gab. Die Studentin hat einen neuen Faserverbundwerkstoff daraus entwickelt.

Und als ein letzte Beispiel zum Thema Langlebigkeit: Kindermöbel die so stabile multifunktional und zeitlos sind, dass sie bestimmt über Generationen vererbt werden.

Susanne: Wenn Unternehmen Interesse an Ecodesign zeigen, wie sieht das dann konkret aus? Wissen die dann schon, was sie wollen und machen Vorgaben? Oder erwarten sie eher von euch als Designern, dass ihr ihnen die Ecodesign-Welt erklärt?

Andreas: Sowohl als auch. Einige Unternehmen kennen sich schon sehr gut aus und suchen nach Gestaltern, die ebenfalls Erfahrung in dem Bereich haben. Andere möchten oder müssen da was machen, wissen aber nicht, wo sie ansetzen können. Meine Erfahrung ist, dass man gemeinsam immer etwas findet, das man besser machen kann.

Susanne: Erlebt ihr als Hochschule – oder auch du in deiner Tätigkeit als Industriedesigner – bei Unternehmen einen Bedarf in Sachen Ecodesign?

Andreas: Nach meiner Erfahrung ist eher so, dass der Gestalter von sich aus auf das Thema achtet und dann den Unternehmer darauf aufmerksam macht: „Schau mal, hier könntest Du es besser machen!“ Aber ich bin sicher, dass sich das in Zukunft ändert und eine Zusatzqualifikation als Eco-Designer ein ganz klarer Wettbewerbsvorteil ist. Aber es gibt natürlich auch die Unternehmen und Institute, die z.B. ein Recycling Material entwickelt haben und dann auf mich zukommen und fragen „Und was können wir jetzt daraus machen?“

Susanne: Woran liegt das deiner Meinung nach?

Andreas: Nun, der Kern des Designs ist wohl die Kreativität. Und die benötigt man bekanntlich immer dann, wenn man mit Wissenschaft nicht mehr weiter kommt… ;-)

Susanne: Haha, genau! Deswegen liefere ich den Designern Faktenwissen und warte dann gespannt drauf, was ihr draus macht. Was würdest du Studierenden für ihre Ausbildung raten, wie sie sich auf das Thema Ecodesign einlassen wollen?

Andreas: Andreas: Eco-Design ist eigentlich ein übergreifendes Thema im Design, da es ein Faktor der Nachhaltigkeit ist. Jeder Gestalter sollte die Grundlagen verstehen und anwenden können, das gilt sowohl für z.B. Konzept-, Mode- oder Produktdesinger als auch z.B. für Architekten. Natürlich kann man sich ganz gezielt und ausschließlich damit beschäftigen, aber ich würde es immer als einen selbstverständlichen Aspekt guter Gestaltung betrachen wollen.

Susanne: Was glaubst du: ist Ecodesign nur ein Trend? Oder ist bzw. wird es fester Bestandteil zukünftiger Gestaltung werden?

Andreas: Letzteres! Schon alleine deshalb, weil unsere Ressourcen endlich sind.

Susanne: Was würdest du dir für das Thema Ecodesign wünschen?

Andreas: Oh, wie fantastisch darf ich werden? In einer anderen Welt würden wir das Wort „Ökologie“ gar nicht kennen, weil wir jedem Rohstoff und der Energie ihren tatsächlichen Wert zumessen würden. Das Ergebnis wäre, dass ökologisch optimale Produkt immer die preiswertesten sein könnten. Also genau andersherum als in dieser Welt. Aber was können wir Designer wirklich brauchen? Ich bin schon einmal sehr glücklich über dein Selbstlerntool "ecodesign to go". Es ist ein auf Gestalter abgestimmtes Programm, das tatsächlich alle Gesichtspunkte des Eco-Design beinhaltet und dies sehr lebendig vermittelt. Dafür hier in aller Öffentlichkeit noch mal DANKE! Was uns große Kopfschmerzen macht sind Ökobilanzen. Da würde ich mir wünschen, dass es noch sehr viel einfachere Tools gäbe, um schnell zu belegbaren Ergebnissen zu kommen.

Susanne: Prof. Andreas Kramer von der HfK in Bremen. Vielen Dank für das Interview!

Die Studierenden der HfK Bremen sind sehr rührig, was Ecodesign angeht. Ich bin gespannt, welche Projekte und Produkte da noch zustande kommen. Auf Facebook und hier im Blog werde ich immer wieder Ergebnisse vorstellen.

Über Andreas Kramer

Jasmin Hollstein

Seit 2001 ist Andreas Kramer Freiberuflicher Produktdesigner www.kramer-produkt-design.de. Viele seiner Arbeiten wurden International ausgezeichnet. Seit 10/2001 ist Andreas Kramer Prof. an der HfK-Bremen für Computer gestütztes Entwerfen und für Produktdesign/CAD

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