Sarah Pollinger von freivon.

von susanne volz / interviews

Bei Sarah Pollinger geht’s um die Vurst. Und darum, wie jeder einzelne von uns ein kleines bisschen die Welt retten kann. Sarah ist der Meinung, dass man das in die Welt bringen soll, was einem darin fehlt. Deswegen hat sie mit ihrem Mann und der Familie Siebert (Schuhmachermeister) eine Schuhmanufaktur gegründet, in der für die Herstellung der Schuhe keine schädlichen Stoffe und Materialien verwendet werden. Und gerade ist die Gründung einer Vetzgerei (eine vegetarische Metzgerei) in vollem Gange. Die eröffnet Ende des Jahres in Berlin ihre Tore. Wir sind gespannt.

Interview

Sarah Pollinger

Susanne: Hallo Sarah. Danke, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Das ist gar nicht so selbstverständlich, wenn ich mir deine Aktivitäten so anschaue. Du bist eine Seriengründerin mit Hummeln im Hintern, kann das sein? Warst du als Kind auch schon so umtriebig?

Sarah: Mh, ehrlich gesagt, weiß ich das nicht mehr so genau. Ich weiß nur, dass meine Mutter mich in den Sommerferien immer mindestens eine Woche in ein Feriencamp geschickt hat, weil ich sie sonst wahnsinnig gemacht hätte – laut ihrer Angabe.

Susanne: Im Jahr 2014 habt ihr freivon. gegründet, jetzt gerade gründet ihr die Vetzgerei. Kannst du uns kurz erzählen, was es mit den beiden Ideen auf sich hat und wer ihr seid?

Sarah: freivon. ist unser Schuhlabel. Alle unsere Schuhe werden in Deutschland von Familie Siebert handgefertigt. Alle Materialien, die wir verwenden sind nachhaltig und nicht tierischen Ursprungs.

Die Vetzgerei ist eine pflanzliche Metzgerei, die wir noch dieses Jahr in Berlin eröffnen werden. In der Vetzgerei wird es pflanzliche Aufschnitte und Aufstriche geben. Alle werden vor Ort frisch zubereitet. Alle Zutaten sind bio, sowie regional und saisonal (so gut als möglich). Beide Unternehmen habe ich zusammen mit Paul, meinem Mann, gegründet.

Susanne: Eines der Ökodesign-Prinzipien ist ja die Schadstofffreiheit. Das scheint das Leitmotiv von freivon. zu sein, oder?

Sarah: Leitmotiv von freivon. ist es, das gesamte Paket anzubieten. Das gesamte Paket heißt, Nachhaltigkeit in allen Aspekten – ökologisch, ökonomisch und sozial. Schadstofffreiheit ist somit natürlich ein wichtiger Pfeiler. Da wir als Quereinsteiger angefangen haben, dachten wir ‚Es kann ja wohl nicht so schwer sein einen nachhaltigen Schuh zu machen’. Wie sich herausgestellt hat, ist es das eben doch.

Das Problem fängt beim Sourcing der Materialien an: Um nach den passenden Materialien Ausschau zu halten, kann man zu reinen Schuhmaterialmessen gehen. Dort findet man eigentlich alle Materialien, die man braucht, um einen Schuh zu machen.

Das Problem: 1. Oft mit riesigen Abnahmemengen und 2. Nachhaltigkeit spielt keine Rolle.

Wir haben auf einer Messe eine Dame gefragt, ob ihr Kunstleder nachhaltig ist. Sie meinte nur ‚Was soll denn an Kunstleder nicht nachhaltig sein?’. Dieses ‚Desinteresse’ an Nachhaltigkeit zieht sich von den Materialien über die Produktion bis leider oft zum Konsumenten.

Susanne: Was ist euch bei freivon. noch wichtig?

Sarah: Besonders wichtig ist uns Transparenz. Es gibt nicht die perfekte nachhaltige Lösung. freivon. ist unsere Interpretation von Nachhaltigkeit und unsere Kunden sollen wissen, was das im Detail bedeutet. D.h. wir legen alle Informationen, zum Beispiel von welchen Lieferanten wir beziehen, welche Materialien etc., offen.

Susanne: Man sagt ja, Startups brauchen bei realistischer Betrachtung zwei bis zehn Jahre, um erfolgreich zu sein. Seht ihr denn schon erste Erfolge?

Sarah: Ja, wir sehen auf jeden Fall schon erste Erfolge. Allerdings nicht unbedingt finanzieller Natur ;) Wir waren letztes Jahr auf vielen Messen unterwegs und es war toll mit so vielen Menschen über freivon. sprechen zu können. Wenn wir erzählen, dass unsere Schuhe in Pirmasens handgefertigt werden, können viele mit Pirmasens nichts anfangen. Die meisten wissen nicht, dass Pirmasens (Rheinland-Pfalz) die ehemalige Schuhhauptstadt Deutschlands ist und das Deutschland eine lange Geschichte im Schuhhandwerk hat. Es macht Spaß dieses Bewusstsein bei den Menschen zu wecken. Je länger wir sprechen, desto mehr Fragen kommen bei den Leuten auf. Das finde ich super!

Susanne: Und jetzt geht’s direkt mit der Gründung von der Vetzgerei weiter…?

Sarah: Genau, die Vetzgerei ist ein Projekt, das ich unbedingt machen wollte und will. Ich finde die Vereinbarkeit von Nachhaltigkeit und Veganismus wichtig. Die Vetzgerei repräsentiert genau das. Alle Produkte werden frisch, vor Ort hergestellt – ohne unnötige Zusätze. Ich will der Meinung entgegen wirken, dass ALLE veganen Produkte voll mit Chemie sind. Klar, solche Produkte gibt es natürlich auch. Aber dazu müssen Produkte nicht vegan sein, sondern einfach nur hochindustriell hergestellt werden ohne auch nur im Geringsten auf die Qualität der Zutaten zu achten. Da kann eine Bärchenwurst genauso mithalten. Man darf hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

Susanne: Habt ihr nicht Sorge, dass ihr euch da übernehmt – so mit zwei Gründungen direkt hintereinander?

Sarah: Ehrlich gesagt, ist das keine rationale Entscheidung. Ich wüsste, wenn in nächster Zeit jemand eine ‚Vetzgerei’ aufmachen würde und ich hätte es nicht getan, wäre ich todunglücklich. Ich freue mich total auf die Vetzgerei und bin sehr gespannt, was sie für uns bereit hält. Überforderungen kann da auch durchaus mit dabei sein.

Susanne: Warum eine Vetzgerei? Warum nicht schadstofffreie Teddybären?

Sarah: Wie bei der letzten Frage schon durchgeklungen ist, war das eine Bauchentscheidung. Ich glaube, die Welt braucht eine Vetzgerei! Aber es war natürlich nicht nur das. Dazu ist das Projekt zu groß, als das wir uns völlig auf unseren Bauch verlassen wollen und können. Wir haben natürlich geschaut, ob es einen Markt für die Vetzgerei gibt. Und haben festgestellt, ja, es gibt einen. Aber, wie heißt es so schön? ‚Papier ist geduldig’.

Ich glaube, die Welt braucht eine Vetzgerei.
Sarah Pollinger

Sarah: Von freivon. habe ich gelernt, dass in einem Business-Plan viel stehen kann; ob es dann tatsächlich so kommt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Für mich heißt das, es ist auf jeden Fall wichtig ein Projekt gründlich zu planen und sich im Vorhinein viele Gedanken zu machen. Im Endeffekt weiß man aber erst, ob es funktioniert, wenn man es tatsächlich macht.

Susanne: Was macht ihr bei dieser zweiten Gründung anders als bei der ersten?

Sarah: Natürlich versuchen wir Fehler, die wir bei freivon. gemacht haben, jetzt zu vermeiden. Was ich auf jeden Fall anders machen werden, ich werde mir mehr Zeit lassen. Vor allem bei Entscheidungen. Bei freivon. hatte ich immer das Gefühl, alles geht zu langsam – die Zeit rennt mir davon. Das hat manchmal dazu geführt, dass ich Entscheidungen überstürzt getroffen habe.

Susanne: Wie erlebst du den Markt „Nachhaltigkeit“? Schwer oder einfach?

Sarah: Puh, das ist eine schwere Frage. Das Interesse von Industrie als auch von Verbrauchern ist da und es wächst stetig. Allerdings will keiner dafür Geld ausgeben. Nachhaltig allein ist kein ‚Verkaufsargument’. Es braucht einen zusätzlichen Mehrwert. Was ist für mich drin? Macht es mich gesünder? Besser? Schlauer? Der Markt hat auf jeden Fall noch viel Potential und wächst gerade.

Susanne: Wie und wo findest du deine Kunden? Oder stehen die schon alle Schlange?

Sarah: Kundengewinnung ist harte Arbeit. Erfordert viel Kreativität, Durchhaltevermögen und ein dickes Fell :) Facebook ist für uns ein wichtiger Kanal. Hier kann man mit wenig Geld werben und Informationen unter die Leute bringen. Allerdings darf man sich keine Wunder erhoffen (zumindest ist das bei 99% aller Unternehmen so).

Ich weiß noch, wie ich am Anfang zwei Stunden für ein Posting gebraucht habe und dann gespannt vor Facebook saß und gewartet habe, was passiert. Da meistens nichts passiert ist, konnte das schon ganz schön frustrierend sein. Deshalb dickes Fell und Durchhaltevermögen. Wie schon erwähnt, haben wir es letztes Jahr auch mal mit Messen probiert. Das ist eine tolle Möglichkeit, wenn man die richtigen Messen für sich findet. Das war bei uns leider nicht so. Ansonsten haben wir auch schon mal einen ‚Wohnungsverkauf’ bei uns in der Wohnung organisiert. D.h. die Leute konnten zu uns in die Wohnung kommen und dort freivon. Schuhe anprobieren und auch kaufen.

Susanne: Was fasziniert dich an der Gründung so?

Sarah: An einer Gründung an sich fasziniert mich eigentlich gar nichts. Ich packe das eher in die Kategorie ‚Muss man halt machen’, da ich mit Gründung dieses ganze Theoretische verbinde, das man machen muss, bevor es an das Eingemachte geht. Das ist dann eher meins. Zu sehen, dass etwas entsteht und sich etwas bewegt, ist faszinierend.

Susanne: Warum ausgerechnet die schweren Sachen? Wenn du so ein Gründungstalent bist, hättest du dir ja auch was Einfacheres aussuchen können, oder? Dann würdest du jetzt vielleicht schon am Strand liegen und vom Verkaufserlös Caipis schlürfen …

"Learning bei doing,
nennt man das wohl..."

Sarah: Ich würde mich jetzt nicht als Gründungstalent bezeichnen. Nur weil ich es mache, heißt das nicht, dass ich es kann. Das lernt man als Gründer auch schnell, dass man viele Sachen machen muss, für die man keinen Studienabschluss hat und für die man sich eigentlich gar nicht qualifiziert fühlt. ‚Learning by doing’ nennt man das dann wohl. Wer will denn schon Geld verdienen? ;) Natürlich möchte ich auch mit dem, was ich mache, meinen Lebensunterhalt bestreiten können. Alles andere wäre aus meiner Sicht nicht ‚nachhaltig’. Allerdings steht Geld verdienen nicht im Fokus. Es ist eher Mittel zum Zweck. Ganz im Zentrum steht, den nachhaltigen Gedanken weiter zu bringen.

Susanne: Hast du eigentlich irgendwelche Superkräfte? Weil, du gründest ja nicht nur ein Unternehmen nach dem anderen, du studierst ja „nebenbei“ auch noch. Ich weiß, wie arbeitsintensiv die Gründung eines Startups ist, ich hab ja selbst eins. Und es ist mir ein Rätsel, wie du das alles in so kurzer Zeit hinbekommst. Also: was ist dein Geheimnis? Bist du superklug? Arbeitest du superschnell? Schläfst du nur in Homöopatischen Dosen? Oder tust du einfach nur die richtigen Dinge?

Sarah: Ich würde jetzt einfach mal alles verneinen. Zumindest kommt es mir nicht so vor und bis jetzt hat es mir auch noch keiner gesagt. Also, nein. Ja, es ist auf jeden Fall viel Arbeit und es ist manchmal schwierig den Kopf zwischen den verschiedenen Dingen so aufzuteilen, dass nichts zu kurz kommt. Nachhaltigkeit ist das, was mich antreibt. Mein ganzes Leben dreht sich um Nachhaltigkeit in verschiedenen Aspekten und ich werde nie müde darüber zu sprechen, darüber zu lesen oder darüber zu schreiben. Ich lerne durch mein Studium und durch meine Projekte soviel dazu. Es ist vom Gefühl her so, als würde ich jeden Tag ein bisschen mehr von der Welt verstehen. Und nach dem verstehen, kommt das verändern wollen. Und das will ich. Ganz eingebildet gesagt, ich möchte die Welt ein Stück besser machen.

Susanne: Was würdest du anderen Gründern, Designern oder Unternehmen raten, die mehr Nachhaltigkeit in die Wirtschaftswelt bringen wollen?

Sarah: Ich würde ihnen raten, dass sie das auf jeden Fall tun sollen. Ich würde ihnen raten, nicht unbedingt nach der perfekten Lösung zu suchen, sondern nach einer besseren. Und das nicht aus mangelnder Motivation heraus, sondern aus dem Wissen, dass es in manchen Bereichen noch nicht die perfekte Lösung gibt bzw. Unternehmen, Gründer oder Designer nicht die Möglichkeit haben, diese zu verfolgen. Ich finde es wichtig, sich zu belesen und auszutauschen und sich dann seine eigene Nachhaltigkeit zu kreieren. Nachhaltigkeit selbst denken! Außerdem würde ich ihnen auch hier raten, durchzuhalten. Wie ich vorhin schon mal erwähnt habe, wollen viele Nachhaltigkeit, nur keiner will dafür Geld ausgeben. Das erfordert oft lange Überzeugungsarbeit.

Susanne: Was steht für euch jetzt konkret die nächsten zwei Monate zu tun an?

Sarah: In den nächsten zwei Monaten steht der Umbau der Vetzgerei an, damit wir noch dieses Jahr eröffnen können. Das wird die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Zusätzlich feile ich gerade an einem Workshopkonzept zum Thema Nachhaltigkeit. Einmal für Erwachsene und einmal für Kinder. Ich finde es wirklich erschreckend, dass in Schulen kaum Nachhaltigkeit gelehrt wird.

Susanne: Möchtest du den Lesern noch etwas sagen?

Sarah: Ich möchte jeden ermuntern, Projekte in die Praxis umzusetzen. Vor allem, wenn es nachhaltige sind. Es läuft nicht immer alles glatt, aber man kann nur dazu lernen. Rückschläge sind besser als Stillstand!

Susanne: Danke Sarah für das Interview! Zum Abschluss verrätst du uns bestimmt noch, wo wir euch finden, liken oder folgen können?

Sarah: Hier findet ihr die Vetzgerei und hier freivon.

Susanne: Nochmal Danke! Ich drücke die Daumen für freivon. und die Vetzgerei.

Meine Leser erinnere ich daran, dass auch die besten nachhaltigen Produkte und Geschäftsmodelle Werbung brauchen. Wenn dir also freivon. und die Vetzgerei gefällt, dann teile was das Zeug hält und rede drüber! Die Links hat Sarah uns ja gerade verraten.

Über Sarah Pollinger

Sarah Pollinger

Sarah Pollinger ist Gründerin von freivon. und der Vetzgerei. Sie findet, die Gesellschaft braucht mehr Nachhaltigkeit. Sie ist da ganz pragmatisch und gründet die fehlenden Unternehmen einfach selbst. Ihr neuestes Projekt ist Die Vetzgerei – für glückliche Würstchen. Ökologische, biologische und vor allem leckere vegane Wurst und Brotaufstriche.

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