Umweltcontrolling Teil II

von susanne volz / ecodesign wissen

Das Mantra jeden Controllings lautet: „Kenne deine Zahlen.“ Beim Umweltcontrolling heißt es dann: „Ja prima… Welche denn?“ Wie beim Ecodesign selbst ist auch das Controlling ökologischer Produktgestaltung und –prozesse eine sehr individuelle Angelegenheit. Du musst erst das richtige Ziel festlegen. Und für die Messung der Zielerreichung dann die richtige Kennzahl finden. In diesem Artikel gebe ich dir einen Überblick über einige Umweltkategorien und mögliche Kennzahlen, sowie eine Idee, wie du damit zum Verkaufserfolg der Produkte beitragen kannst.

Kenne deine Zahlen.

KPI Entwicklung für ökologische Produkte

Wir haben schon im Artikel Umweltcontrolling Teil I festgestellt, dass ökologische Produkte nicht deshalb gekauft werden, weil sie ökologisch sind. Es ist eine zusätzliche Teilqualität, die den Wert des Produktes für den Kunden steigert. Aber es ist nicht das eigentliche Kaufkriterium.

Damit diese zusätzliche Teilqualität auch zum Verkaufserfolg beiträgt, muss sie mit dem Wertesystem des Konsumenten übereinstimmen und entsprechend kommuniziert werden.

Bei der Festlegung von sinnvollen und praxisbezogenen KPI (Key Performance Indicators) für Produkte sollte diese Anforderung berücksichtigt werden. Mehr dazu weiter unten.

Prinzipien und Ziele der ökologischen Produktentwicklung

In meinem Artikel zu den Prinzipien der ökologischen Produktentwicklung habe ich schon zusammengefasst, was du bei der ökologischen Gestaltung berücksichtigen solltest.

Die Zusammenfassung ist natürlich nicht vollständig. Aber sie verdeutlicht das Prinzip und deswegen können wir hier darauf aufbauen. Kurz zur Erinnerung:

Zu den wesentlichen Prinzipien der ökologischen Produktgestaltung gehören:

Langlebigkeit, Materialeffizienz, Kreislauffähigkeit, Reparierbarkeit, Energieeffizienz, Problemstoffarmut und die Verwendung ökologischer Materialien. Die Prinzipien sind multidimensional zu sehen, sie können sich auch bedingen, ergänzen oder gegenseitig ausschließen.

Meistens gibt es je Produkt ein bis drei Prinzipien, die die jeweils wichtigsten für das jeweilige Produkt sind.Leit-Prinzipien sozusagen. Die anderen Prinzipien ergeben sich dann daraus oder sind im konkreten Fall nicht so wichtig. Um dieses oder diese Prinzipien herum kannst du deine Indikatoren aufbauen.

Im Artikel Umweltcontrolling Teil I sprachen wir auch über die Ziele ökologischer Gestaltung. Die musst du natürlich berücksichtigen. Möchtest du beispielsweise ein Zertifikat erhalten, dann sollten deine Indikatoren (unter anderem) die Werte abbilden, die dort gefordert werden. Für ein CO2-Zertifikat musst du logischerweise andere Kennzahlen ermitteln als für Zertifikate für ökologischen Anbau der Rohstoffe, Schadstofffreiheit oder fairen Handel.

Wähle den jeweils einfachsten Indikator, den du finden kannst

Grundsätzlich ist bei der ökologischen Produktgestaltung der gesamte Lebenszyklus des Produktes zu berücksichtigen. Die KPI sollten das abbilden. Aber du hast natürlich nicht im-mer Zugriff auf die Prozesse der Wertschöpfung, die nicht in deinem Einflussbereich stattfinden.

Deswegen musst du die KPI so wählen, dass du die Zahlen dafür in der Praxis wirklich ermitteln kannst und sie dir trotzdem Auskunft über den ökologischen Trend geben. D.h. du musst dir vorher überlegen, in welchem Zusammenhang die von dir im eigenen Unternehmen oder bei und mit Kooperationspartnern in der Wertschöpfungskette ermittelten Werte mit Werten außerhalb deines bzw. euren Einflussbereichs stehen.

Verwendest du zum Beispiel vom selben Material unter sonst gleichen Umständen nur noch die Hälfte, dann sinkt dein Rohstoffverbrauch. Gleiches gilt fast zwangsläufig für den gesamten Rohstoffverbrauch und damit zusammenhängende Umweltlasten in der gesamten Liefer- und Wertschöpfungskette. Du könntest hier also eine massebezogene Kennzahl einsetzen und hättest ein vernünftiges Steuerungsinstrument. Weniger ist besser.

Hervorragend, wenn du so eine einfache Kennzahl verwenden kannst. Es lohnt sich, eine Weile nachzudenken, um für die Steuerung eine so niederkomplexe Kennzahl zu identifizieren! Verwendest du aber ein alternatives Material und senkst dadurch den Materialverbrauch, dann weißt du nicht genau, was im Rest der Liefer- und Wertschöpfungskette passiert. Denn du änderst nicht nur die Menge, sondern auch wesentliche andere Parameter.

Entstehen beim Abbau des Rohstoffs andere, schwerwiegendere Umweltlasten pro kg als beim ursprünglichen Material? Braucht es für die Verarbeitung mehr Energie oder geht die Verarbeitung mit mehr Abfällen einher? Werden andere Chemikalien oder zusätzliche Schadstoffe eingesetzt? Wird die Lebensdauer des Produktes verkürzt? Was verändert sich bei der Entsorgung des Produktes oder Materials?

Du siehst schon, eine einfache massebezogene Kennzahl hilft dir hier nicht weiter. Dazu sind die Zusammenhänge zu komplex. Du musst tiefer in die Trickkiste greifen, um einen vernünftigen Indikator zu wählen.

Es gilt aber: einfacher ist immer besser! Du solltest also so lange suchen, bis du bei aller Komplexität den Indikator findest, der die Zusammenhänge auf der einfachsten Ebene wie möglich abbildet.

Im 12. Heft meines Kurses ecodesign-to-go findest du zu dem Thema ökologische Bewertung (und damit auch zu KPIs) ausführliche Erläuterungen. Du kannst dir hier das kostenlose Einführungsheft zum Kurs ecodesign-to-go herunterladen.

Image Minikurs Upcycling

Wenn du mehr über die Bewertung ökologischer Produktsysteme lernen willst, dann lade dir jetzt zum Einstieg das kostenlose Einführungsheft zum Kurs ecodesign-to-go herunter.

 

Mögliche KPIs

Im tatsächlichen Anwendungsfall eignen sich manche KPIs, und manche nicht. Hier kann ich dir natürlich nur Beispiele geben. In der Praxis müssen die KPIs individuell festgelegt werden.

Ich habe oben geschrieben, dass es meisten ein bis drei Prinzipien gibt, die das jeweilige ökologische Design dominieren. Für drei der Prinzipien gebe ich dir hier Anregungen, worauf sich KPIs beziehen könnten. Die Kennzahl selbst kann eine absolute Zahl sein (zum Beispiel kg Material oder kg CO2-Emission), sie kann aber auch relativ sein (z.B. Erfüllung der Anforderung auf einer Skala von 1 bis 10). Welche Messgröße sich eignet, ist sehr individuell. Es gibt übrigens keine richtige oder falsche Lösung. Wenn die Kennzahl ihren Zweck gut erfüllt, dann ist sie eine gute Wahl.

#1

Recyclinggerechtes Design
Beim recyclinggerechten Design kann sich die Kennzahl unter anderem auf folgende Parameter beziehen: Demontagefreundliches Design. Kennzeichnung von Bauteilen. Stoffliche Verwertbarkeit der Materialien. Verringerung der Materialvielfalt. Geringer Schadstoffanteil. Optionen der Wieder- oder Weiterverwendung.

#2

Materialeffizientes Design

Materialeffizientes Design zeichnet sich zum Beispiel durch folgende Kriterien aus: Anteil verwendeter Sekundärrohstoffe. Verminderung des Abfallaufkommens. Modularität von Bauteilen. Multifunktionalität des Produktes. Substitution durch ressourceneffizientere Materialien.

#3

Langlebiges Design

Langlebiges Design kann sich einerseits durch langlebige Produkte ausdrücken. KPI dafür können sein: Modulbauweise. Reparatur- und Wartungsfreundlichkeit. Verwendung geeigneter Materialien / stabile Konstruktion. Emotionale Aufladung des Produktes. Zeitbeständiges Design. Langlebiges Design kann aber auch durch Nutzenintensität erreicht werden.

Als Beispiel: eine Bohrmaschine ist zwar langlebig, wird aber in privaten Haushalten in ihrem Leben im Durchschnitt nur 15 Minuten verwendet. Ein wichtiger Indikator kann daher auch die Nutzenintensität sein.

Ökobilanz

Wie passen Ökobilanzen in das Konzept der Umweltkennzahlen? Kennzahlen, wie ich sie oben beschrieben habe, sind gut geeignet, um punktuelle Soll-Ist-Vergleiche durchzuführen. Du kannst gut erkennen, wo du stehst und wie weit du vom Ziel entfernt bist.

Mit Ökobilanzen kannst du das auch. Sie sind aber wesentlich umfassender. Ökobilanzen erlauben dir eine Sichtweise über die Umweltwirkung im gesamten Lebenszyklus des Produktes.

Dadurch kannst du nicht nur Kennzahlen ermitteln, wie zum Beispiel CO2-Emissionen, Versauerung oder die Fläche der Landnutzung. Du kannst auch sinnvolle Ziele und für die Erreichung geeignete Maßnahmen ableiten. Denn du siehst, in welcher Lebensphase des Produk-tes und durch welchen Wertschöpfungsprozess die Umweltbelastungen zustande kommen.

Ökobilanzen sind dadurch auch geeignet, Beziehungen zwischen einem Produkt, der Inanspruchnahme von Ressourcen und/oder der Entstehung von Emissionen abzubilden. So kannst du nachvollziehen, ob Problemverschiebungen von einem Umweltmedium auf ein anderes stattfinden, wenn du zum Beispiel dein Material durch ein anderes austauschst oder auf Langlebigkeit statt auf Rezyklierbarkeit setzt.

KPIs und ihr Beitrag zum Verkaufserfolg

Öko-Zertifikate und Label sind meistens dazu gedacht, gleichzeitig als Verkaufshelfer zu dienen. Wenn du KPIs wählst, mit denen du ein bestimmtes Zertifikat erhalten kannst, dann hast du natürlich gleichzeitig gut kommunizierbare KPIs.

Andere KPIs sind da schon etwas sperriger für die Konsumentenkommunikation. Zum Beispiel ist der KRA (Kumulierter Rohstoffaufwand) ein mächtiger Indikator, der umso aussagekräftiger ist, je rohstoffaufwändiger das Produkt ist.

Konsumenten können damit aber nur wenig anfangen, denn er ist in seiner Aussage viel zu abstrakt. Wenn du die Ver-besserung des Rohstoffaufwandes kommunizieren willst, dann brauchst du ganz konkrete Kennzahlen.

Wenn du zum Beispiel den Einsatz des Primäraluminiums verringert hast, dann kommunizierst du die Erhöhung des Einsatzes von Sekundäraluminium um 78%. Oder so. Um diesen Indikator kannst du eine Story bauen, nämlich die der Wichtigkeit des Recycling, der konkreten Ressourcenschonung durch Aluminiumaufbereitung und die Kreislauffähigkeit des Materials an sich, die auch nach Nutzung des Produktes noch gegeben ist.

Versuche daher nicht nur den jeweils niedrigkomplexesten der aussagekräftigen Indikatoren zu finden, sondern im besten Falle auch einen, den du leicht in einen dem Endkunden kommunizierbaren Indikator übersetzen kannst.

Fazit

Kennzahlen sind eine große Hilfe bei der Zielerreichung. Wähle deine Kennzahlen gut, denn mit ihnen steuerst du die Ausrichtung deines Produktes. Wenn du eine falsche Kennzahl wählst, kannst du frohgemut und vollstoff in die falsche Richtung rennen – ohne es zu merken. Es lohnt sich daher, sehr ausführlich über gute Kennzahlen nachzudenken.

Kennzahlen. Mehrzahl. Aber wenn du sie gefunden hast, dann werden viele Entscheidungen in der weiteren Gestaltung wesentlich einfacher. Wenn du ökologischer Gestalter bist, dann bist du übrigens in einer sehr guten Position. Du musst die gewählten Kennzahlen nur verstehen (das allerdings recht umfassend). Oder sie kritisieren. Beides ist wesentlich leichter, als sie auszuwählen. :)

Susanne

Über die Autorin

Sarah Pollinger

Susanne Volz ist die Gründerin und Inhaberin von ecocircleconcept. Sie ist Umwelt­wissen­schaftlerin und Wirtschaftsjuristin und auf der Mission, ökologische Produkte zu einer Selbstverständlichkeit zu machen.

Als Schnittstelle zwischen Gestaltern, Unternehmen und der Umwelt arbeitet sie unermüd­lich daran, unternehmerischen Erfolg, verantwortungsvolles Wirtschaften und nachhaltigen Konsum zusammenzuführen.

Zurück