Wie du richtig upcycelst

von susanne volz / ecodesign wissen

Wer upcycelt, rettet die Welt. Jedenfalls ein bisschen. Könnte man meinen. Immerhin sorgt Upcycling für die sinnvolle Verwendung von Abfällen. Abfälle, die sonst ungenutzt und oder schlecht verwertet blieben… Aber halt, so einfach ist es dann doch nicht. Es gibt immer noch eine Menge „Upcycling“, das mehr schadet, als nützt. Damit Upcycling wirklich ökologisch sinnvoll ist, müssen schon ein paar wichtige Regeln eingehalten werden. In diesem Artikel erfährst du, wie du ökologisch sinnvoll upcycelst und was du lieber lassen solltest.

Schwarzwald
Baumwurzel in einem Hochmoor und Bannwald im Schwarzwald. Die braucht kein Upcycling. die ist schon ein Kunstwerk.

Upcycling rettet die Welt

Wer upcycelt, rettet die Welt. Könnte man meinen. In den meisten Fällen der aktuellen Modeerscheinung „Upcycling“ reden wir aber einfach „nur“ von ansprechendem Design. Was ja völlig in Ordnung ist, denn Ästhetik zu lieben ist Teil des Menschseins – und damit Geld verdienen zu wollen, ist ganz genauso in Ordnung und ja auch immerhin teilweise Zweck der ganzen Übung. Der Umwelt hilft das in den meisten Fällen aber herzlich wenig.

Upcycling ist zwar oft cooles Design, aber nur selten ökologisch sinnvoll.

Warum wir den Begriff Upcycling hinterfragen sollten

Lass uns zuerst den Begriff Upcycling klären. Denn ich möchte wetten, dass wir beide etwas Unterschiedliches darunter verstehen. Beim Upcycling geht es im Grunde darum, eine Sache auf eine höhere Qualitätsstufe zu heben. Dabei sind wir uns vermutlich noch einig. Häufig denken wir dabei an Abfall, der wieder zu Produkten aufgewertet werden soll. Die Grundidee dahinter ist, mit Upcycling der zunehmenden Ressourcenknappheit zu Leibe zu rücken.

Upcycling soll der zunehmenden Ressourcenknappheit entgegenwirken.

Seit ich mich dem Thema ökologische Produktgestaltung verschrieben habe bin ich mit diesem Leitgedanken im Kopf auf der Suche nach guten Beispielen für ökologisch sinnvolles Upcycling. Da Upcycling zum echten Trend geworden ist, sollte an Beispielen eigentlich kein Mangel herrschen. Dachte ich. Denn es gibt Messen, Awards, Ausschreibungen und was nicht noch alles. Aber ganz ehrlich? Ich bin erschreckend selten fündig geworden. Zwar habe ich großartige Produkte gefunden. Aber meistens sind das exklusive Designstücke für den individuellen Geschmack, deren Charme ich mich zugegebenermaßen kaum entziehen kann. Gute Laune macht mir zum Beispiel, wenn ich mir die Produktsammlung auf der Upcycling-Seite von Hannes Treichl anschaue. Mit einer tatsächlichen Aufwertung von Abfall hat das jedoch nur selten etwas zu tun.

Warum? Viele der verarbeiteten Stücke waren vorher zum Beispiel nicht wirklich Abfall. Knurpselige Äste aus dem Wald sind als Produktbestandteile großartige Hingucker und es lassen sich daraus sensationelle Einzelstücke fertigen. Aber im Wald liegend würde ich diese besonderen Hölzer kaum als Abfall bezeichnen.

forest tree
© 2016, susanne volz, "nessi im schwarzwald"

Und so sehr ich zustimme, dass wir verdammt zu viele Plastikflaschen im Umlauf haben, bestehen diese meist aus einem extrem hochwertigen Rohstoff, dass als Upcyclingmaterial einfach nur vergeudet ist. Hochwertig ist dieses Material deshalb, weil es aus Erdöl besteht und – sofern es sich um durchsichtigen Kunststoff handelt – oft zu den wenigen wirklich lange und sortenrein im Kreislauf führbaren Rohstoffen gehört. Statt also im Kreislauf nochmal zu 100 PET-Flaschen zu werden, wird die Flasche als Blumentopf zweckentfremdet und so dem Kreislauf entzogen. Gleiches gilt auch für die wertvollen Rohstoffe Metall und Glas.

Ob eine Gestaltung jetzt einfach nur cooles Design ist oder tatsächlich Upcycling – ist auch egal. Oder? Nein, ist es nicht. Ich bin zwar hin und wieder ein Klugscheißer, aber ich würde mich nicht an einer solchen Formalie aufhalten, wenn ich sie nicht wichtig fände. Dafür ist mir meine Zeit dann doch zu schade. Worte prägen unser Denken und unsere Wahrnehmung. Wir haben in der täglichen Interaktion und gemeinhin bei dem, was wir Leben nennen keine Zeit, alles und jedes ständig zu hinterfragen. Deswegen sind wir Gewohnheitstiere. Deswegen haben wir Vorurteile. Deswegen belegen wir Begriffe mit Emotionen und Bedeutungen.

Wir belegen Begriffe mit Emotionen und Bedeutung. Deswegen ist es wichtig, wie wir etwas bezeichnen.

Wenn einer „Achtung, Löwe!“ schreit, schießt und das Adrenalin durch den Körper – und zwar schneller, als wir darüber nachdenken können, dass das jetzt irgendwie nicht sein kann. Das mit dem Löwen. Hier bei uns und so.

Den Begriff Upcycling haben wir gelernt und positiv belegt. Upcycling wertet Abfall auf. Abfall ist Böse. Dadurch verschwenden wir Ressourcen. Aufbereitung von Abfall ist gut. Denn dadurch schonen wir Ressourcen. Wenn Aufbereitung von Abfall gut und Upcycling die Aufbereitung von Abfall ist, dann ist – Upcycling gut! Ist doch logisch. Der Begriff wurde mit Sinn belegt und der Bewertungsprozess ist abgeschlossen – und wird daher nicht mehr hinterfragt. Wenn also einer Upcycling schreit, denken wir automatisch: Yipeeh! Upcycling ist immer gut und aus! Wer upcycelt, rettet die Welt und fertig! Der Aufruf: „Lasst uns noch mehr upcyceln!!“ ist die Folge. Ganz böse Falle! Denn diese Gedankenkette steckt voller logische Brüche.

Deswegen finde ich, sollten wir den Begriff Upcycling hinterfragen und Upcycling-Design jedes Mal neu auf seinen ökologischen Nutzen abklopfen. Und zwischen dem Marketingbegriff Upcycling und dem technischen Begriff Upcycling unterscheiden. Dabei brauchen wir im Ergebnis gar nichts anders zu machen, als bisher. Wir haben nur neues Bewusstsein und neues Wissen geschaffen und übernehmen Verantwortung für das, was wir tun.

Wann ist Upcycling eine echte Aufwertung?

Wir haben weiter oben festgehalten, dass Upcycling eine Sache auf eine höhere Qualitätsstufe heben soll. Es geht also um Aufwertung. Eine Aufwertung haben wir unter anderem dann, wenn…

  • … das Upcycling eine hochwertigere Alternative zur eigentlichen Abfallverwertung ist
  • … das Upcycling eine Weiterveredelung einer ursprünglichen Qualitätsstufe darstellt
  • … es ein Ressourcenproblem zumindest mindert

Hochwertiger als die Abfallverwertung (oder zumindest gleichwertig) ist es zum Beispiel in vielen Fällen, Textilien aufzubereiten. Einige Designer haben sich darauf spezialisiert, Kleidung und Textilien aufzubereiten und zu einem neuen Produktleben zu verhelfen – und vermindern so auf vielfältige Weise den Ressourcenbedarf.

Eine Weiterveredelung kann es unter anderem sein, wenn Industrieabfälle zu Produkten oder Materialien werden. Solche Industrieabfälle wohlgemerkt, die vorher keine Produkte waren und aus denen andernfalls auch nie welche geworden wären. Nimm zum Beispiel die Herstellung von Papier. Das im Holz enthaltene Lignin wird bei der Herstellung von Papier mühsam extrahiert, weil es eine braune Eigenfärbung hat und Papier ja eher weiß sein soll. Lange wurde es einfach nur verbrannt (immerhin thermisch verwertet). Aber bestimmte Arten von Lignin werden inzwischen zur Herstellung von Biokunststoffen eingesetzt.

Und klar, wenn Upcycling wirklich Ressoucen schont, dann haben wir natürlich auch eine Aufwertung. Wusstest du zum Beispiel, dass in Teppichen Bestandteile von Autoscheiben stecken können? Nein? Ein Teppichhersteller gewinnt aus kaputten Frontscheiben das darin enthaltene PVB (Polyvinylbutural) zurück und benutzt es für die Vorbeschichtung seiner Produkte. Früher hatte der Hersteller dafür Bitumen verwendet. Durch das Upcycling spart er fossile Rohstoffe (Rohöl) ein. Und verwendet außerdem ein Abfallprodukt wieder, das sonst entsorgt würde.

Wann ist Upcycling sinnvoll?

Ob wir uns nun darüber einig sind, was wir als Upcycling bezeichnen wollen und was nicht, das ist gar nicht so wichtig. Auch wenn wir darüber unterschiedlicher Meinung sind, können wir uns fragen, wann Upcycling sinnvoll ist. Upcycling ist unter anderem dann sinnvoll, wenn …

  • … es sich um eine echte Aufwertung handelt
  • … es keine andere, bessere Alternative gibt (z.B. Langlebigkeit des vorherigen Produktes)
  • … es die Wegwerfgesellschaft aufrüttelt, also als Produkt an sich kommuniziert und das Bewusstsein und den Respekt der Gesellschaft für den Wert von Produkten und/oder Ressourcen fördert

Wann es eine Aufwertung ist, haben wir oben geklärt. Check. Aber woher wissen wir, ob es keine bessere Alternative gibt? Naja, das braucht dann ein wenig Grundlagenwissen und Recherche. Und wir gehen dabei auch immer von der Praxis aus, nicht von der Theorie. Es ist uns also egal, was in einer perfekten Welt aus dem Abfall werden könnte. Uns interessiert, was tatsächlich daraus geworden wäre. Ist unsere Alternative ökologisch besser? Dann ist das Upcycling ein no-brainer. Aber Achtung: wir fangen nicht erst beim Abfall an zu fragen. Wir fragen auch: musste es denn überhaupt schon Abfall werden? Hätte das Produkt nicht länger leben können? Haben wir etwas zu früh zu Abfall erklärt, nur weil wir gerne an das Material ran wollten? Dieses Szenario hältst du für abwegig? Ist es aber nicht! Wer in großem Stil an (gut erhaltene) Materialen rankommen will (Segeltuch, Feuerwehrschläuche, Planen, Folien, Stoffe, Holz, Kunststoffe …), der zahlt auch gut. Und motiviert den ursprünglichen Nutzer vielleicht dazu, sich schon eher davon zu trennen, als eigentlich nötig oder sinnvoll wäre. Noch schlimmer wird es, wenn Subventionen ins Spiel kommen. Also: Augen auf!

Die Europäische Kommission hat Kommunikation als Bestandteil ihrer Ressourceneffizienzstrategie aufgenommen.

Nicht jedes Upcycling-Produkt muss unbedingt die genannten physischen Bedingungen erfüllen, um als Upcycling zu gelten. Kommunikation ist ein Bestandteil der Ressourcenschonung, die absolute Wertschätzung erfährt. Sogar die Europäische Kommission hat Kommunikation als Bestandteil ihrer Ressourceneffizienzstrategie aufgenommen. Ist ein Produkt oder eine Dienstleistung also geeignet, zu kommunizieren? Kann es die Wertschätzung der Gesellschaft für ihre „Dinge“ wieder erhöhen? Dann ist es sinnvolles Upcycling!

Wann solltest du unbedingt die Finger vom Upcycling lassen?

Und wann solltest du nun unbedingt die Finger vom „Upcycling“ lassen? Na klar, wenn…

  • … es sinnlose Produkte hervorbringt, die schnell selbst wieder zu Abfall werden
  • … es Schadstoffe transportiert oder überhaupt erst bioverfügbar macht
  • … es ein Ressourcenproblem verschärft statt zu mindern

Der erste Punkt ist klar. Produziere keinen Schrott! Produkte, die schnell kaputt gehen, nur als kurzfristiges Gimmick taugen und nicht nutzbringend oder funktional sind, sind ökologisch nicht sinnvoll. Egal, woraus sie bestehen. Und noch schlimmer wird es, wenn auf diesem Wege des „Upcycling“ aus ehemals gut recycelbaren Abfällen nun Schrottprodukte werden, die nur noch zur Verbrennung taugen. Ganz schlecht. Einfach lassen! Nicht machen! Nicht gut!

In vielen Produkten sind Schadstoffe drin. Das ist schlecht. Vielen dieser Schadstoffe sind wir ohnehin schon ausgesetzt. Das ist auch schlecht. Ganz schlecht ist es aber, wenn du durch Upcycling Schadstoffe freisetzt, denen wir davor noch gar nicht ausgesetzt waren. Zum Beispiel solche Schadstoffe, die nie dafür gedacht waren mit Haut, Schleimhäuten, Atemwegen oder Menschen (insbesondere Kindern) oder Tieren überhaupt in Kontakt zu kommen. Also unter anderem Produktbestandteile, die mal so verbaut oder verarbeitet waren, dass ein Kontakt sicher ausgeschlossen war. Elektronik zum Beispiel. Eigentlich logisch. Wird aber erschreckend oft doch gemacht. Aber bestimmt nicht von dir. Denn wenn du das hier liest, warst du auch vorher schon gut informiert.

Und zum Abschluss: Ressourcenprobleme – ob zum Guten oder Schlechten – adressierst du natürlich nur beim Einsatz entsprechender Mengen. Mach dir also um kleine Auflagen nicht mehr Gedanken, als du musst. Aber ab einem bestimmten Materialumsatz musst du aufpassen, dass du nicht wertvollen Kreisläufen zu viel Menge entziehst. Wenn du zum Beispiel das Unternehmen, für das du arbeitest oder das dir gehört, auf Ideen bringst, solltest du diese Ideen vorher mal ein wenig recherchiert haben. Denn was du beim ökologisch gut gemeinten Upcycling nicht vergessen darfst ist, dass Abfall durchaus einen Wert hat. Und zwar oft genug einen ausgesprochen hohen. Zwar liegt dieser Wert manchmal „nur“ in seinem Heizwert begründet, weil z.B. Abfallprodukte aus Holz oder alten Autoreifen als Ersatzbrennstoffe herhalten müssen. So ein Ersatzbrennstoff ersetzt aber häufig Brennstoffe aus fossilen Rohstoffen. Wenn du also alte Autoreifen zu Fahrradständern umfunktionierst, bist du mitverantwortlich dafür, dass der Energiebedarf an anderer Stelle statt durch die Verbrennung dieser Autoreifen auf fossilen Brennstoffen zurückgegriffen werden muss.

Das ist natürlich um Himmels willen kein Plädoyer für die Verbrennung von Abfällen oder gar von Autoreifen. Diese Art der Abfallverwertung ist eine ziemlich bescheuerte und eigentlich sehr hilflose Art, mit der zunehmenden Rohstoffknappheit umzugehen. Aber Upcycling in diesem Kontext hilft eben auch nicht. Es handelt sich dabei nicht um Upcycling, sondern einfach um Design, eben mit einer bestimmten Art von Materialien. Kein Problem bei kleinen Mengen. Durchaus ein Problem bei Millionenauflage.

Fazit

Und wann solltest du nun unbedingt die Finger vom „Upcycling“ lassen? Na klar, wenn…

  • … es sinnlose Produkte hervorbringt, die schnell selbst wieder zu Abfall werden
  • … es Schadstoffe transportiert oder überhaupt erst bioverfügbar macht
  • … es ein Ressourcenproblem verschärft statt zu mindern

Der erste Punkt ist klar. Produziere keinen Schrott! Produkte, die schnell kaputt gehen, nur als kurzfristiges Gimmick taugen und nicht nutzbringend oder funktional sind, sind ökologisch nicht sinnvoll. Egal, woraus sie bestehen. Und noch schlimmer wird es, wenn auf diesem Wege des „Upcycling“ aus ehemals gut recycelbaren Abfällen nun Schrottprodukte werden, die nur noch zur Verbrennung taugen. Ganz schlecht. Einfach lassen! Nicht machen! Nicht gut!

Nicht jedes coole Design ist gleich Upcycling. Und nicht jedes „Upcycling“ ist ökologisch sinnvoll. Das heißt aber nicht, dass du es jetzt lassen sollst. Im Gegenteil. Upcycling-Design kann soooo cool sein. Also tue es bitte weiterhin! Mir geht es nur um die Herstellung von Kontext. Also nach dem Motto: nasche nimm2 so viel du willst. Rechne nur nicht damit, dass du deinen Körper dadurch im Übermaß mit Vitaminen versorgst.

Über die Autorin

Susanne Volz

Susanne Volz ist die Gründerin und Inhaberin von ecocircleconcept. Sie ist Umwelt­wissen­schaftlerin und Wirtschaftsjuristin und auf der Mission, ökologische Produkte zu einer Selbstverständlichkeit zu machen.

Als Schnittstelle zwischen Gestaltern, Unternehmen und der Umwelt arbeitet sie unermüd­lich daran, unternehmerischen Erfolg, verantwortungsvolles Wirtschaften und nachhaltigen Konsum zusammenzuführen.

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