Uwe D´Agnone von der creapaper GmbH

von susanne volz / interviews

Papier aus Gras - ja wo gibt´s denn sowas? Bei creapaper gibt´s das! Im Ernst. Papier aus Gras! Ich finde, solche Produkte läuten einen echten Paradigmenwechsel ein. Denn hier wurde wirklich neu gedacht. Nicht die das-hammer-schon-immer-so-gemacht-Version ein wenig effizienter gemacht, sondern an echten Lösungen gearbeitet. Was Uwe D´Agnone von creapaper dazu zu sagen hat, liest du hier im Interview.

Interview

Creapaper

Susanne: Herr D´Agnone, Sie haben einen neuen Faserrohstoff für die Papierherstellung entwickelt. Was hat Sie angetrieben?

Uwe D´Agnone: Vor etwas mehr als 5 Jahren habe ich mir Gedanken gemacht, wie man Papier noch nachhaltiger herstellen kann. Da für die Zellstoffherstellung aus Holz sehr viel Energie, Wasser und Chemie benötigt wird, habe ich mir Gedanken um einen Alternativrohstoff gemacht und mich bei Pflanzen mit „weicheren“ Faserarten umgesehen.

Schon nach den ersten Tests mit unterschiedlichen Materialien stellte sich heraus, dass die Grasfaser eine echte Alternative bei der Papierherstellung sein könnte.

Susanne: Papier kann man ja letztlich aus ziemlich vielen faserbasierten Pflanzen herstellen. Was ist der Vorteil von Gras gegenüber anderen Faserpflanzen?

Uwe D´Agnone: Bislang hatte man bei der Suche nach Alternativrohstoffen zur Papierherstellung immer einen Leitgedanken im Hinterkopf: Man suchte nach Pflanzenarten, die auf möglichst kleiner Fläche einen hohen Ertrag bieten. Man hat mit Hanf, Stroh und auch mit Miscantus erfolgreich Papier hergestellt.

Alle hochwachsenden Pflanzen benötigen einen „Kleber“ um entsprechend in die Höhe wachsen zu können. Dieser „Kleber“, Lignin genannt, muss jedoch für die Papierherstellung erst aus der Pflanze wieder entfernt werden. Das erfolgt über ein chemisches Aufschlussverfahren. Mein Bild im Kopf war also folglich man könnte eine flach wachsende Pflanze nutzen, die so gut wie kein Lignin enthält, damit man auf einen chemischen Prozess komplett verzichten kann. Die Grasfaser benötigt zur Aufbereitung nur einen rein mechanischen Prozess. Sie wird mittels Luft gereinigt.

Susanne: Das Risiko, dass Sie eine hervorragende, aber kostenintensive Entwicklungsarbeit machen, die als Emerging Technique erst nach vielen Jahren ihr volles ökologisches und wirtschaftliches Potenzial entfaltet, war doch enorm! Wieso haben Sie sich dem ausgesetzt?

Uwe D´Agnone: Da es derzeit nur einen Rohstoff zur Papierherstellung gibt, nämlich Holz oder Altpapier aus Holz, und der Bedarf an Papier weltweit ständig wächst, habe ich mir Gedanken über den klimatechnischen Effekt gemacht, wenn weltweit immer mehr Bäume abgeholzt werden. Ich fand es sehr sinnvoll, nach einer Alternativpflanze zu suchen, die diesem Effekt entgegenwirken kann.

Susanne: Reden wir bei Graspap über eine Nischenlösung, deren eigentlicher ökologischer Wert in der haptischen Kommunikation und der Konsumentensensibilisierung besteht? Oder sprechen wir über faktischen ökologischen Mehrwert im großen Stil?

Uwe D´Agnone: Schon nach den ersten erfolgreichen Versuchen an der Papiermaschine wurde schnell klar, dass Gras auch im industriellen Maßstab bei der Papierherstellung eingesetzt werden kann.

Gerade im Bereich der Verpackung besticht die Grasfaser durch ihre erhöhte Volumenbildung. So kann auch speziell bei Well- und Vollpappen Material eingespart werden. Bei großen Einsatzmengen kann man somit einen effektiven Mehrwert erreichen.

Susanne: Wofür lässt Ihr Rohstoff Graspap im Moment in der Praxis besonders gut einsetzen?

Uwe D´Agnone: In Rezepturen mit bis zu 50 % Grasfaseranteil ergeben sich speziell für den Bereich der Foodverpackung besondere Vorteile: bei einer reinen Frischfaserrezeptur (50 % Frischfaser aus Holz, 50 % Frischfaser aus Gras) erhält man neben der Beseitgung der Mineralölmigrationsproblematik auch noch wirtschaftliche Effekte durch den vergünstigten Einkauf der Grasfaser.

Gras kann jedoch für fast alle Papierprodukte eingesetzt werden; z.B. auch im grafischen Bereich.

Susanne: Ich könnte also zukünftig mein Biomüsli im Graspap-Karton kaufen?

Uwe D´Agnone: Ja, können Sie. :) Papierprodukte, geeignet und auch zertifiziert für den Direktkontakt zum Lebensmittel, werden jetzt schon von unterschiedlichen Papierherstellern erzeugt.

Susanne: Zwischen den Jahren 2009 und 2014 hat der Verbrauch von Papierverpackungen in Deutschland um knapp 23% zugenommen. Inzwischen fallen jährlich über achttausend Kilotonnen Papierverpackungsabfälle an (das sind etwa 50.000 Blauwale oder 792 Eifeltürme). Welches Potenzial sehen Sie für Graspap an dieser Stelle, herkömmliche Verpackungen zu ersetzen?

Uwe D´Agnone: Auch wenn ein Unternehmen sich oder seine Produkte mit einem Nachhaltigkeitseffekt darstellen möchte, ist der Einsatz von Grasfasern sehr zu empfehlen. Die Einkaufstüte aus Papier, die Verpackung im Foodbereich oder mit besonderen Veredelungen mit Luxusgüterbereich oder auch nur die Außenverpackung aus Wellpappe - über kurz oder lang wird die Grasfaser allerdings für alle Papierproduktarten eine echte Alternative darstellen.

Susanne: Bisher arbeiten Sie mit Fasergemischen. Behält denn Papier und Karton seine Kreislauffähigkeit, wenn es zu 50% aus Grasfaser besteht?

Uwe D´Agnone: Ja. Wie von der PTS zertifiziert, kann Graspapier recycelt werden und wirkt wie ein Jungbrunnen durch die Frischefaser.

Susanne: Lassen Sie uns konkret über die ökologischen Vorteile sprechen. Graspap hat eine wesentlich bessere CO2-Bilanz als Papier und Karton sowohl aus Frischfaser als auch aus Altpapier. Nun sind die CO2-Emissionen zwar ein sehr wichtiges, als Maßstab für die Umweltfreundlichkeit einer Papierproduktion, aber nicht das alleine entscheidende Kriterium. Tatsächlich ist die Zelluloseherstellung ein ziemliches „Gepansche“, das Unmengen an Chemie und Wasser verschlingt.

Uwe D´Agnone: Im Gegensatz zu Holz ergeben sich unterschiedlichste – zum Teil sehr markante – Nachhaltigkeitseffekte. Zu allererst möchte ich auf die Regionalität hinweisen. In den meisten Ländern dieser Erde kann Gras, wenn nicht schon vorhanden, gepflanzt und genutzt werden.

Es besteht die Möglichkeit, den Bedarf an Grasfasern alleine im Umkreis von 50 km um die Papierfabrik zu decken. Dadurch verringert sich der Transportaufwand drastisch; z.B. werden für den deutschen Markt Wälder in Skandinavien, Nordamerika, aber auch Eukalyptus aus Brasilien und Uruguay im großen Maße genutzt.

Für die Aufbereitung der Grasfaser wird derzeit nur 1 Liter Wasser auf 1 Tonne Graspap®, nur 1/10 des Energieaufwandes und gar keine Chemie benötigt.

Susanne: Nachwachsende Rohstoffe werden im Moment gerade ein wenig als Heilsbringer für unsere Ressourcenmisere angesehen. Holz ist ja nun auch nachwachsend, und Papier ist ziemlich oft im Kreislauf führbar. Was macht Gras aus Ressourcensicht zum besseren Rohstoff für die Papierherstellung als Holz bzw. Altpapier?

Uwe D´Agnone: Im Gegensatz zu Pflanzen wie z.B. Bäumen, Stroh oder Miscantus ist Gras eine im wahrsten Sinne des Wortes nachwachsende Pflanze. Das Ernten ist ein wenig wie Haare schneiden. Die Pflanze braucht nicht erneuert werden und wächst immer weiter. Man braucht also keine Pflanzen zu fällen, die teilweise über 100 Jahre alt sind.

Heute wird ein Großteil der gefällten Bäume wieder neu aufgeforstet. Z. T. werden auch mehrere Pflänzchen pro Baum neu eingesetzt. Jedoch kann man sich ein gutes Bild machen über den Klimaeffekt, wenn man sich vorstellt, dass ein großer Baum mit einer großen Krone gefällt wird und ein oder mehrere Setzlinge, nur wenige cm groß, dafür neu gepflanzt werden.

Susanne: Ok. Dann werden wir mal konkret. Wie viel CO2-Emissionen kann man mit Papier aus Gras wirklich einsparen?

Uwe D´Agnone: Fairerweise sollte man sich die CO2-Bilanz der Alternativrohstoffe einmal anschauen. Schwierig wird es, eine Gegenüberstellung zu machen, ohne zu wissen, welcher Rohstoff aus welchem Land eingesetzt wird. Jedoch kann man sagen, dass bei der Rohstoffherstellung bis zu 50 % der CO2-Emissionen eingespart werden.

Susanne: Ihr Rohstoff für die Papierherstellung sieht aus wie Meerschweinchenfutter. Und riecht auch so. Wie kann ich mir das in der Verarbeitung vorstellen?

Uwe D´Agnone: Wir verarbeiten getrocknetes Gras und Heu, dass wir in Rundballen angeliefert bekommen. Je nach Einsatzzweck muss das Material nach dem Reinigen per Luft auf entsprechende Faserlängen gekürzt werden und mit einem Produktentsprechenden Mahlgrad versehen werden. Anschließend wird das Material zu Pellets verpresst. Dies hat neben der höheren Schüttdichte auch noch den Vorteil, dass man Graspap® direkt in der Maschinenbütte einsetzen kann. Durch das Komprimieren kann man die Auflösezeit steuern und durch die Bewegung in der Bütte ergibt sich eine homogene Rezeptur.

Susanne: Bisher sind wir noch bei dem Teil, in dem das alles eine ganz nette Idee ist. Aber Papier ist geduldig und tolle Ideen für ökologische Produkte gibt es eine Menge. Die industrielle Praxis sieht ja oft ganz anders aus.

Mein Stiefvater ist Papiermacher und ich erinnere mich noch lebhaft an seine leidenschaftli-chen Vorträge über Papier und dessen Herstellung. „Seine“ Maschine kam mir dann immer wie eine sehr launische Lady vor und die Mission aller Kollegen der Schicht schien es, dieser Lady jeden noch so kleinen Wunsch rechtzeitig von den Augen abzulesen, damit sie hoch-wertige Papierbahnen produziert. Und wenn er von einem der gefürchteten Papierabrisse erzählt hat, dann hatte das einen ähnlichen Actiongehalt wie Erzählungen meiner cooleren Mitschüler über deren Kinobesuche von „Stirb Langsam“ (ich durfte damals noch nicht…).

Wie sieht es also in der Praxis aus? Kann man aus Graspap-Pellets Papier in industriellen Mengen herstellen, ohne die Papiermacher zur Verzweiflung und die Produktionskosten in den Orbit zu treiben?

Uwe D´Agnone: Für uns war es extrem wichtig, bei der Entwicklung von Graspap®, dass die Papierfabrik keine zusätzlichen Aggregate benötigt und es für jede Papierfabrik direkt möglich ist, Graspap® für ihre Produkte einzusetzen. Bei jeder Papierherstellung können wir feststellen, dass eine gewisse Skepsis herrscht. Jedoch gab es bislang nur einen etwas erhöhten Reinigungsaufwand. Papierabrisse sind bislang bei allen Produktionen noch kein Mal vorgekommen!

Susanne: Wenn sich jemand für die Verwendung von Papier oder Kartonage entschließt, können Sie dann jetzt schon zuverlässig entsprechende Mengen herstellen und liefern?

Uwe D´Agnone: Wir möchten zukünftig überwiegend Gräser aus Ausgleichsflächen einsetzen. Dieses Material ist bereits jetzt in ausreichenden Mengen verfügbar und ideal für den Einsatz zur Papierherstellung einzusetzen. Damit steht man nicht in Konkurrenz zur Tiernahrung und benötigt auch keine Anbauflächen.

Auch die Gefahr zur Schaffung einer Monokultur wird dadurch ausgeschlossen. Alleine im Umkreis von 50 km um eine Papierfabrik erhält man durchschnittlich in Deutsch-land eine Menge von 150.000 Jahrestonnen Grasfasern. Bereits ab einer jährlichen Bestellmenge von min. 12.000 Tonnen werden wir dezentral produzieren und eine Maschine direkt in unmittelbarer Nachbarschaft der Papierfabrik aufstellen und regionales Heu nutzen.

Susanne: Die brennendste Frage für Unternehmen dürfte wohl die Kostenfrage sein. Was kostet es ein Unternehmen, von Pappe auf Graspap umzusteigen?

Uwe D´Agnone: Derzeit ist es aufgrund der noch vergleichbar geringen Produktionsmengen etwas teurer, Papier aus Gras einzusetzen. Die Endprodukte werden aber geschätzt nur ca. 10 % teurer. Doch schon in allernächster Zukunft wird sich der Kostenvorteil des Rohstoffes, die Grasfaser als Rohstoff ist um ca. 40 % günstiger als Zellstoff aus Holz, auch im Endpreis des Papierproduktes spürbar bemerkbar machen.

Susanne: Was sollten Designer bzw. Agenturen und Druckereien über den Einsatz von Graspap wissen, bevor sie ihre Kunden dazu überreden, es damit mal zu versuchen?

Uwe D´Agnone: Wichtig ist zu wissen, dass im Vorfeld alle möglichen Eigenschaften des Papieres mit Grasfasern durchgetestet und zertifiziert wurden. Auch bei kritischen Fragen, wie z.B. der noch bestehenden Allergene (Heuschnupfen) konnten wir nachweislich alle Fragen positiv beantworten.

Papier aus Gras enthält keine Allergene mehr! Auch ein dermatologisches Gutachten wurde erstellt und Hautempfindlichkeiten ausgeschlossen. Die Receygierbarkeit wurde zertifiziert und für Produkte speziell für den Foodbereich wurde die XXXVI. Empfehlung erteilt.

Susanne: Wenn Sie sich ihren Wunschkunden für die ersten Jahre der Markteinführung backen könnten, wie sähe der aus?

Uwe D´Agnone: Wunschkunden kommen sicherlich aus dem Lebensmittelbereich, weil viele positive Argumente in einer Kette zu dem Entschluss führen sollten, Graspapier einzusetzen: - die Nachhaltigkeit - die Regionalität - die Mineralölfreiheit und zu guter Letzt - auch die Wirtschaftlichkeit im Vergleich zu Frischfasern aus Holz

Susanne: Was ist Ihre Vision für die Papierindustrie in den nächsten 10 Jahren?

Uwe D´Agnone: Meine Vision ist, dass die Grasfaser einen festen Bestandteil in der Rezeptur eines Papierproduktes erhält und somit einen erheblichen Anteil zur Klimaverbesserung beiträgt.

Susanne: Ich gehe davon aus, dass wir noch viel von Papier aus Gras hören werden. Herr D´Agnone, vielen Dank für das Interview!

Über Uwe D´Agnone

Uwe D´Agnone

Uwe D´Agnone ist der Gründer von CREAPAPER www.creapaper.de, einer Kreativagentur, die auf Direktmarketing spezialisiert ist. Als Experte für die Entwicklung von Direktmailing-Produkten begann er zunächst, viele verschiedene Rohstoffe als Alternativen für die Papierherstellung auszustesten. Als Ergebnis dieser Versuche stellt Uwe D´Agnone mit Creapaper und dessen Partnern heute Papier auf Grasbasis her, das seine Anwendung längst nicht mehr nur im Kreativbereich findet, sondern bereits im Verpackungsalltag Einzug gehalten hat.

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