Was Ecodesigner über Ökobilanzen wissen sollten

von susanne volz / ecodesign wissen

Was muss ich über Ökobilanzen wissen? Diese Frage bereitet manchem Ecodesigner schlaflose Nächte. So eine Ökobilanz ist schließlich mächtig wichtig, wenn es um ökologische Produktgestaltung geht. Stimmt schon. Aber wer hat jemals behauptet, dass Ecodesigner Ökobilanzen erstellen können müssen? Andererseits: wenn du als ökologischer Gestalter ernst genommen werden möchtest, dann solltest du über Ökobilanzen schon ein wenig mehr wissen, als deine Nicht-Ecodesign-Kollegen. In diesem Artikel habe ich zusammengefasst, welches Wissen für dich als Ecodesigner hilfreich, welches notwendig und welches überflüssig ist.

Du brauchst keine Ökobilanz erstellen können. Aber verstehen können solltest du sie schon. Soweit die Kurzfassung.

Ökobilanz, was soll das sein?

Die Ökobilanz ist ein mächtiges Instrument. Im englischen heißt sie Life Cycle Assessment (LCA) und sie bildet die Umweltlasten eines definierten Systems ab. Das kann ein Produkt oder ein Produktsystem sein, ein Unternehmen, eine Dienstleistung oder eine Veranstaltung. Vorzugsweise wird dabei das Produkt in seinem gesamten Lebenszyklus betrachtet. Von der „Wiege bis zur Bahre“ – also von der Gewinnung bzw. Herstellung aller Rohmaterialien bis zur finalen Entsorgung des Produktes und seiner Komponenten.

Der Sinn einer Ökobilanz ist es also, die Umweltlasten zu analysieren und möglichst detail-liert darzustellen. Der Zweck einer Ökobilanz – das heißt: die Verwendung dieser Ergebnisse – kann dagegen sehr unterschiedlich sein.

Manche Umweltzertifikate haben als Grundlage eine Ökobilanz. Damit werden die Umwelt-lasten eines Produktes einfach dokumentiert.

Andere Ökobilanzen haben den Zweck, verschiedene Produkt- oder Materialsysteme miteinander zu vergleichen, um das jeweils ökologischere herauszufinden.

forest tree
© Christian Tebtmann

Dann gibt es Ökobilanzen, die innerhalb eines Produkt- oder Materialsystems die ökologi-schen „HotSpots“ in der Wertschöpfungskette finden sollen, damit man dort gezielt Verbes-serungen herbeiführen kann. Ein grundlegender Zweck von Ökobilanzen ist ganz nahelie-gend: mit Ökobilanzen erstellen wir Datensätze für die Verwendung in... Na? Genau! Öko-bilanzen.

Was die einen über Ökobilanzen glauben

Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, der Ökobilanz würden magische Kräfte unterstellt. Aber ganz so weit hergeholt ist das auch nicht.

Manche Leute glauben, eine Ökobilanz funktioniert so: wir summieren die Umweltlasten aller Bestandteile eines Produktes, und heraus kommt dann die 42. Insgesamt sei das zwar aufwändig, denn je komplexer das Produkt, desto mehr müsse man halt zusammen rechnen. Aber das ließe sich ja einrichten. Und dann, voilá: nach einigem Rechnen kommt ein Ergebnis raus. Ganz einfach eigentlich. Oben einen Euro rein (oder auch mal fünf), unten kommt die Ökobilanz raus. Schwuppdi-wupp.

Die Umweltlasten für das Material plus die Umweltlasten für Energie plus die Umweltlasten für Transporte. Und schon können wir anfangen zu vergleichen: Ein Stuhl aus Holz hat „37“ und ein Stuhl aus Stahl hat „82“. Tataaa: Stuhl eins ist gut, Stuhl zwei ist böse. Ökologisch gesehen natürlich nur.

Theoretisch funktioniert das auch so. Praktisch nicht. Diese Leute glauben oft auch, Ökobilanzen würden die ökologische Wahrheit abbilden. Und sie glauben, dass sie selbst die Erstellung von Ökobilanzen lernen könnten, wenn jemand die Grundlagen nur kompetent genug auf fünf Seiten zusammenfasst. Dazu möchte ich sagen: Ökobilanzen zu erstellen, ist keine Kunst. Aber es ist ein Handwerk. Natürlich kann das jeder erlernen. Aber nicht aus fünf zusammengefassten Seiten. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass bei einer Ökobilanz mal so was Einfaches wie 42 rauskommt, dann steht auf 50 Seiten Anhang, für welche Anwendungsfälle das gilt oder nicht gilt und welchen Einschränkungen, Besonderheiten und Unsicherheiten dieses Ergebnis unterliegt.

Sorry, bro.

Was die einen über Ökobilanzen glauben

Was sind Ökobilanzen wirklich und was können sie? Ökobilanzen sind der Versuch, die Um-weltlasten eines Systems so genau wie möglich zu analysieren und abzubilden. Wie präzise sie sein müssen, hängt vom Zweck der Ökobilanz ab (siehe oben). Aber egal, wie gut die Ökobilanzen sind, sie bilden nie die Wirklichkeit ab. Sie sind immer nur ein Modell, das die Realität möglichst gut beschreiben soll.

Je besser die Ökobilanz, desto genauer die Näherung, das ist klar. Für manche Zwecke braucht man außerordentlich präzise Ergebnisse (z.B. für die Erstellung von Datensätzen oder als Grundlage weitreichender Entscheidungen) und für manche Zwecke reicht eine grobe Abschätzung. Und dazwischen gibt es eine Menge.

Ich habe an Ökobilanzen mitgearbeitet, aus denen mal Datensätze werden sollten (und jetzt sind) und andere, die Systemvergleichen standhalten sollten. Da sind wir im Team mo-natelang jedem Komma nachgelaufen (wissenschaftliche Arbeit). Ich habe auch an Ökobilanzen für Zertifikate mitgearbeitet. Da geht es zwar nicht um jedes Komma, aber die müssen trotzdem sehr solide sein. Wenn der unabhängige Prüfer da am Ende die Augenbraue hochzieht, dann musst du nachsitzen. Ohne Gnade.

Welt
© Christian Tebtmann. Die Welt als Model.

Und ganz oft geht es um Übersichtsökobilanzen (Screening LCA). Da will man ungefähr wissen, welchen Teil der Wertschöpfungskette man sich aus ökologischer Sicht genauer an-schauen sollte. Oder ob es einen signifikanten Unterschied zwischen verschiedenen Materia-lien gibt, die in Erwägung gezogen werden. Bei einer Screening LCA geht es um Richtungsangaben, der dann später weitere Maßnahmen zur Konkretisierung folgen.

Was gute Ecodesigner können sollten

Im Bereich der Screening-LCA liegt die Kompetenz, die ein Ecodesigner haben sollte. Du solltest in der Lage sein, die richtigen Fragen an ein Produktsystem zu stellen, die richtigen Informationen zu recherchieren und die Fülle der Informationen richtig einordnen zu können. Und dann eine solide Abschätzung abgeben können.

Die Betonung liegt dabei auf Schätzung. Du solltest auch sagen können, wo im Produktsystem und der Wertschöpfungskette ökologisch gesehen vermutlich der Hase im Pfeffer liegt.

Du solltest Ökobilanzen auch grundsätzlich lesen, verstehen und ihre Ergebnisse einordnen können. Aber du musst sie nicht erstellen! Es gibt inzwischen gute Software für Produktgestalter, die gleichzeitig mit der 3D-Entwicklung von Produkten eine ökologische Analyse des designten Produktes anbieten. Ähnliche Softwareprodukte gibt es online auch kostenfrei.

Wie bei allem gilt: die Programme (und Ergebnisse) sind nur so gut (wertvoll) wie der, der sie bedient (interpretiert). Mithilfe solcher Software bekommst du großartig aufbereitete Ergebnisse. Tabellen. Graphiken. Bunt. Schön strukturiert. Was aber nicht heißt, dass das nicht trotzdem auch mal totaler Mumpitz sein kann. Das solltest du dann erkennen können.

Wenn du vorne Blödsinn eingibst, dann kommt hinten Blödsinn raus. Auch, wenn die Ergebnisgraphiken schön bunt sind. Ist dann halt bunter Blödsinn.

Ich verrate dir ein Geheimnis. Das Ergebnis der meisten Ökobilanzen kennen die Fachleute schon, bevor sie überhaupt angefangen haben, zu rechnen. Mit „rechnen“ meine ich, bevor sie teure Spezialdatensätze in teure Ökobilanzsoftware zu komplexen Stoffflussgraphiken zusammenbauen. Wie? Durch ein verdammt präzises Bauchgefühl. Natürlich wird das Bauchgefühl dann – je nach Zweck der Ökobilanz abgesichert, präzisiert und dokumentiert. Und wo kommt dieses Bauchgefühl her?

Durch Erfahrung, Hintergrundwissen und konkrete Recherche im Anwendungsfall. Bis zu einem guten Bauchgefühl kannst du auch kommen. Auch als Designer. Auch ohne teure Ökobilanzsoftware oder teure Datenbanken. Und mit den Mitteln, die euch als Designer inzwischen zur Verfügung stehen, kannst du dieses Bauchgefühl auch ziemlich gut absichern. Aber du musst wissen, was du tust. Sonst nützen dir keine Datensätze und keine Software etwas.

Was Ecodesigner über Ökobilanzen wissen müssen

Du musst wissen, wie Ökobilanzen im Grunde funktionieren. Wie sie aufgebaut sind. Wie sie zu ihren Ergebnissen kommen. Was sie leisten können und was nicht.

Du musst wissen, was die Ergebnisse dir verraten können und was nicht. Wie belastbar sie sind und wie übertragbar. Du musst wissen, wann der Ökobilanzierer welche Annahmen trifft, wie er das tut und was er in der Regel nicht berücksichtigt.

Du musst wissen, welche Fragen die Ökobilanz an das Produkt stellt. Nicht konkret, sondern grundsätzlich. Wenn du das alles weißt, dann kannst du Ökobilanzen lesen und verstehen. Dann kannst du für jedes beliebige Produkt deine eigene Recherche und Abschätzung erstellen, und sie wird gut sein. Auch ohne Ökobilanz.

Aber auch, wenn du zu den besten 25% aller Ecodesigner gehören solltest: Du. Musst. Keine. Ökobilanz. Erstellen. Können. Kein Schaden, wenn du es kannst. Aber du musst nicht.

Du musst ja auch kein Auto bauen können, um ein verdammt guter Fahrer zu sein.

Fazit

Manchmal bekomme ich Anrufe von Studierenden, die in ihrer ohnehin schon umfangreichen Bachelor- oder Masterarbeit noch „mal eben“ eine Ökobilanz einbauen wollen. Leute, lasst es! Macht eine ordentliche ökologische Abschätzung. Begründet die gut. Und dann lasst gut sein. Die Kunst ist nicht, eine Ökobilanz zu erstellen. Das ist, wie gesagt, Handwerk. Das kannst du lernen, musst du aber nicht. Du hast dich ja gerade für ein anderes Handwerk entschieden.

Die eigentliche Kunst besteht darin, die richtigen und wesentlichen ökologischen Fragen an das Produktsystem zu stellen. Manchmal steckt die Antwort in einer Ökobilanz, manchmal woanders. Um es mit Yoda zu sagen: Die richtigen Fragen du stellen musst. Dann die wahren Probleme du erkennen wirst.

Susanne

Image Minikurs Upcycling

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Über die Autorin

Susanne Volz

Susanne Volz ist die Gründerin und Inhaberin von ecocircleconcept. Sie ist Umwelt­wissen­schaftlerin und Wirtschaftsjuristin und auf der Mission, ökologische Produkte zu einer Selbstverständlichkeit zu machen.

Als Schnittstelle zwischen Gestaltern, Unternehmen und der Umwelt arbeitet sie unermüd­lich daran, unternehmerischen Erfolg, verantwortungsvolles Wirtschaften und nachhaltigen Konsum zusammenzuführen.

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